Kartoffelpuffer

Kartoffelpuffer

So ein Besuch bei den Eltern kann anstrengend sein, ist aber irgendwie auch ganz schön. Trotz meines fortgeschrittenen Alters werde ich noch immer verwöhnt, wenn ich die heimische Provinz besuche:

Kuchen, Eis, Kartoffelpuffer. Anderthalb Tage Intensivmast, in denen der Kalorienbedarf der ganzen Woche gedeckt wird. Das ist zwar ernährungsphysiologisch nicht vernünftig, schmeckt aber dafür ganz wunderbar. Ab morgen gibt’s Diät.

Wohne Orte #8

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Postvergnügen

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“… dort oben ist die Behörde in ihrer unentwirrbaren Größe —
ich glaubte annähernde Vorstellungen von ihr zu haben,
ehe ich hierherkam, wie kindlich war das alles …”
(Franz Kafka, Das Schloss)

Kapitel 1: In meinem Briefkasten liegt eine Benachrichtigungskarte der Deutschen Post. Warum die Büchersendung — wie ansonsten üblich — nicht einfach bei einem der ganztägig anwesenden Nachbarn abgegeben oder auf den Briefkasten gestellt wurde, bleibt unergründlich.

Ich wundere mich zudem, dass die Sendung in einem Postamt zur Abholung bereitgelegt wird, zu dem mich der Weg einmal durch die halbe Stadt führt.

Kapitel 2: Es ist kalt und regnet. Trotzdem nehme ich den Weg in die Hellbrookstraße auf mich. Dieser nimmt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut eine halbe Stunde in Anspruch. Hier angekommen, wird mir nach 10 minütiger Wartezeit beschieden, dass das Päckchen, von dessen Inhalt ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts ahne, nicht bereitliegt. “Wir würden sie doch nicht durch die halbe Stadt schicken”, sagt die Frau hinter dem Schalter. Noch bevor ich den Halbsatz “Doch, das würden sie …” herausbringe, teilt die Postfrau mit, dass meine Sendung in der für meine Straße zuständigen Filiale Überseering bereitliege.

Kapitel 3: Es ist noch immer kalt, der Regen hat zugenommen. Die Fahrt in die Filiale Überseering dauert eine weitere halbe Stunde. Auch hier Wartezeit, dann die Ernüchterung: Das Päckchen liegt nicht vor. Man stempelt meine Benachrichtigungskarte, bringt den Vermerk “Sendung liegt nicht vor” an, kopiert sie und nimmt meine Telefonnummer auf. “Normalerweise rufen die Kollegen immer an, ob die Sendung auch vorliegt. Wir würden sie schließlich nicht umsonst in ein andere Filiale schicken.” Noch bevor ich den Halbsatz “Doch, das würden sie …” herausbringe, verweist mich die Dame an den Leiter der Zustellung. Da könne ich noch einmal “mein Glück”, wie sie es auszudrücken pflegte, versuchen.

Kapitel 4: Ich nehme den Weg in das Innere eines Gebäudes auf mich, das ich, handelte es sich hier nicht um ein börsennotiertes Unternehmen, durchaus als Verwaltungstrakt bezeichnen würde. Der Leiter der Zustellung nimmt meine Benachrichtugskarte entgegen und verschwindet mit dieser für eine Viertelstunde in einem Hinterzimmer. An seiner Tür klebt ein nicht nur gelbes, sondern auch vergilbtes Plakat: Auf diesem preist eine gelbe Hand mit Sonnenbrille namens Rolf, die einst für die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen warb, eine sogenannte Service-Hotline an. Jeder Anruf kostet 12 Pfennig (!). Ob die Führungskraft der Zustellung hinter dieser Tür nach meinem Paket sucht oder einen Kaffee trinkt, bleibt mir verborgen. Meine Büchersendung ist auch hier nicht aufzufinden. Auch der Mann mit dem Plakat an der Tür nimmt meine Telefonnummer auf. Sicher ist sicher, denke ich, überlege aber trotzdem, wo ich jetzt 12 Pfennig herbekommen solle, falls auch er mein Frachtgut nicht auffindet.

Kapitel 5: Am nächsten Tag um 7.30 Uhr werde ich von einem Anrufer geweckt. Ich höre das Klingeln zu spät. Da aber die Rufnummer hinterlassen wird, rufe ich umgehend zurück. Meine Gesprächspartnerin von der Post weiß aber leider nicht, worum es geht. Nach etwa fünf Minuten der Ratlosigkeit teilt sie mir mit, dass ich meine Büchersendung in der Filiale Grasweg abholen könne.

Kapitel 6: Nachdem mich die Abholung dieser Büchersendung insgesamt über zwei Stunden meiner kostbaren Lebenszeit gekostet hat, stelle ich ernüchtert fest, dass es sich bei dem Buch lediglich um ein Belegexemplar eines Seniorenratgebers handelt, in dem ein Foto von mir abgedruckt ist. Hätte ich das vorher gewusste, dann hätte ich mich nie auf diese beschwerliche Jagd gemacht — und stattdessen etwas Kafka gelesen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

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Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage kann bei einem Besuch des Gängeviertels schon mal aufkommen. Früher wurde es von der Stadt nicht gewollt, dann von Künstlern besetzt, diese irgendwan geduldet — und jetzt erbeitet man ein “Nutzungskonzept”. Ein großer Erfolg für die, die ein “Recht auf Stadt” forderten.

Aber was sollen hier die gestapelten Fahrräder im Hinterhof? Sind sie eine Installation, effizient gelagerte Transportmittel oder einfach nur Sperrmüll? Ich weiß es nicht, fühle mich aber daran erinnert, meinen Drahtesel wieder aus dem Keller zu holen. Der Frühling (oder was man dafür hält) kann beginnen.

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Weitere Impressionen aus dem Gängeviertel gibt es hier.

St. Pauli

Heiligengeistfeld 1

Karre

38

Grüner Jäger

Einkaufswagen

Weitere Bilder auf Flickr.

Fotoautomat

Ich habe mir den Hals gewaschen. Das Foto kam mit diesen Flecken aus dem Automaten.

Manche Menschen gehen nicht gern allein in Cafés, Kinos oder auf Konzerte. Ich schon. Indes gehe ich nur ungern allein in Fotoautomaten.

Was vom Winter übrig bleibt

Eisig und weiß liegt die Flur,
es wird Nacht und es schweigt die Natur,
ein Anblick so vertraut,
noch einmal und es taut
der Schnee

(Blumfeld)

Hamburg: 4 Grad. Zehn Tage war ich nicht in der Stadt. Es ist nun wahrlich nicht so, dass plötzlich der Frühling ausgebrochen wäre, aber es taut doch merklich. Noch immer muss man Obacht geben, nicht auszurutschen. Wer jetzt hinfällt, wird unangenehm nass — da ist ein blauer Fleck noch das kleinere Übel.

In Berlin habe ich unter der Dusche immer Radio gehört. Radio höre ich sonst nie. Man hört dort Musik, die man gar nicht hören will, und erfährt dort Dinge, die man gar nicht wissen will. Vorgestern habe ich erfahren, dass jemand das Gewicht des in der Hauptstadt liegenden Schnees in Elefanten umgerechnet hat — um sich das besser vorstellen zu können: vier Milliarden Elefanten (vielleicht waren es auch nur vier Millionen). Eine tolle Einheit ist das, jetzt kann ich mir alles viel gleich viel besser vorstellen und frage mich, warum die Schneemenge nicht in Fußballfelder umgerechnet wurde. Wo doch sonst immer alles in Fußballfelder umgerechnet wird. Aber auch in Berlin wird der Schnee irgendwann schmelzen und ich bin gespannt, in welche Einheit man dann die dabei freigesetzte Menge an Flüssigkeit umrechnen wird. Milchseen oder Champagner-Doppel-Magnum-Flaschen wären eine probate Maßeinheit. Fußballfelder sind doch zu zweidimensional; schade eigentlich.

In Hamburg höre ich kein Radio unter der Dusche. Hier hat sich nichts verändert. Das Sofa im Café steht noch immer im Keller. Der Schnee schmilzt.

Winter und so

Glätte, auf Straßen und Trottoirs, überall glattes Eis: Das Gleichgewicht halten, ausrutschen, taumeln, sich schließlich doch noch ganz knapp, gerade so irgendwie auf den Beinen halten. Hundermal geht es gut, jedenfalls wenn man nicht seine Hände — sei es aus Lässigkeit oder Schutz vor der Kälte — in den Jackentaschen vergräbt. Man muss schon ein bißchen mit den Armen rudern können und dabei naturgemäß albern aussehen, um sich auf den Beinen halten. Das ist der Preis, den man zu zahlen bereit sein muss. Beim hundertersten Mal fällt man schließlich doch. Manchmal bricht man sich die Knochen, meistens aber nicht. Zwei Monate geht das nun schon so — und während wir uns anfangs noch gefragt haben, wo die vielbeschworene Klimaerwärmung bleibt, wenn man sie braucht, werden wir uns schon bald an die Ewigwinterigkeit gewöhnt haben.

All das Adrenalin, das dabei unsere Körper durchflossen hat. So etwas erbleben wir sonst in einer Dekade nicht. Das Herz rast und wir sind plötzlich ganz wach, obwohl wir uns noch Minuten zuvor beklagten, wie müde uns die ganztätige Dunkelheit zu machen pflegt. Falls dieser Winter eines Tages dann doch vorbei sein sollte, werden wir alle Bungeejumper, Cliffdiver oder Houserunner, weil wir einfach süchtig geworden sind nach dem Adrenalinkick und ihn immer und immer wieder erleben wollen …

Wohne Orte #7

Flatterband

Die Polzei war da. Sie hat ein Flatterband angebracht. Auf dem Boden keine Kreidezeichnung eines Körperumrisses. Nicht einmal eine vom Schnee bedeckte Kreidezeichnung. Stattdessen zwei Armbrüche gestern, von unglücklich Gefallenen, weil es auf der Treppe, an dem schmalen Durchgang zur U-Bahn so glatt war.

Der Winterdienst der Stadt hat den Weg einfach vergessen oder war überfordert und den Schneemassen nicht mehr Herr. “Hier wird nicht geräumt und nicht gestreut” stand auf keinem Warnschild. Trotzdem wurde nicht geräumt und nicht gestreut — bis heute der Freund und Helfer kam und Hand anlegte. Danke. Jetzt ist die halbe Treppe frei — die andere Hälfte ist gesperrt, die Arme sind gegipst.

Schwall und Scham

“Talking about music is like dancing about architecture.”
(Frank Zappa)

Früher gab es den Künstler und sein Werk. Das Werk trat gleichberechtigt neben die Person des Künstlers. Heute tritt ungebeten das Geschreibsel des Feuilletonisten hinzu. Hat man bei Film- und Buchkritiken nicht selten noch den Hauch einer Ahnung, worum es in dem rezensierten Werk ansatzweise gehen könnte, so scheint dies für Musikkritiker zunehmend irrelevant zu sein. Die Kritik ist kein Dienst am Rezipienten, sondern sich selbst oftmals genug.

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album “Schall und Wahn”. Seit Tagen überbieten sich Magazine und Tagespresse gegenseitig mit ihrem Geschwurbel. Selbst Leser der Boulevardpresse wissen nach Tagen der vergeisteswissenschaftlichen PR-Berieselung, dass William Faulkner den Titel bei Shakespeare entliehen hat. Eine Ahnung, was einen nach dem Aufsetzen des Tonarms (von mir aus auch nach dem Einlegen der Silberscheibe) erwarten könnte, bekommt man nach der Lektüre freilich nicht geliefert. Vielmehr wächst der Zweilfel, ob die schreibenden Musikkritiker die besprochene Platte überhaupt gehört haben; gar ob dies für ihre Besprechung überhaupt noch wichtig ist.

Die Rezension tritt gleichbereichtigt als eigenständiges Werk neben das Opus des Künstlers. Ich will das alles nicht mehr lesen, sondern nur noch die Musik hören. Musikkritiker, ihr seid Schweine. Musikkritiker, ich verachte euch zutiefst.

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Ex-Sofa (Platz 12)

Drei Tage war ich weg und nun das. Nicht nur, dass die mir verhassten IKEA-Haferkekse heimlich wieder eingeführt wurden; auf dem Platz, an dem einst mein geliebtes Sofa stand, das natürlich nicht mein Sofa war, weil es auch nicht mein Café ist, obwohl ich es gern als solches bezeichne, steht nun ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen.

Mehr Sitzgelegenheiten für Frühstücker sind zwar unter ökonomischen Gesichtspunkten durchaus erstrebenswert, aber Platz 12 ist nun für mich sozusagen “durch”. Wo soll ich denn hin, wenn auf der 2 die Weizenbiertrinker sitzen und Platz 7 vom bastelnden oder buchhaltenden Zauberer okupiert werden? Wo bleibt der Charme des roten Ledersofas frage ich, während mir der Cafébetreiber rät, es doch im Keller, auf dem Gang vor den sanitären Örtlichkeiten, zu besuchen.

Nächste Woche werde ich Unterschriften sammeln — damit das Sofa wieder auf die 12 kommt. Falls das nicht hilft, trete ich in den Sitzstreik (auf dem ehemaligen Lieblingssofa vor der Toilette).