Flatterband

Die Polzei war da. Sie hat ein Flatterband angebracht. Auf dem Boden keine Kreidezeichnung eines Körperumrisses. Nicht einmal eine vom Schnee bedeckte Kreidezeichnung. Stattdessen zwei Armbrüche gestern, von unglücklich Gefallenen, weil es auf der Treppe, an dem schmalen Durchgang zur U-Bahn so glatt war.

Der Winterdienst der Stadt hat den Weg einfach vergessen oder war überfordert und den Schneemassen nicht mehr Herr. “Hier wird nicht geräumt und nicht gestreut” stand auf keinem Warnschild. Trotzdem wurde nicht geräumt und nicht gestreut — bis heute der Freund und Helfer kam und Hand anlegte. Danke. Jetzt ist die halbe Treppe frei — die andere Hälfte ist gesperrt, die Arme sind gegipst.

Schwall und Scham

“Talking about music is like dancing about architecture.”
(Frank Zappa)

Früher gab es den Künstler und sein Werk. Das Werk trat gleichberechtigt neben die Person des Künstlers. Heute tritt ungebeten das Geschreibsel des Feuilletonisten hinzu. Hat man bei Film- und Buchkritiken nicht selten noch den Hauch einer Ahnung, worum es in dem rezensierten Werk ansatzweise gehen könnte, so scheint dies für Musikkritiker zunehmend irrelevant zu sein. Die Kritik ist kein Dienst am Rezipienten, sondern sich selbst oftmals genug.

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album “Schall und Wahn”. Seit Tagen überbieten sich Magazine und Tagespresse gegenseitig mit ihrem Geschwurbel. Selbst Leser der Boulevardpresse wissen nach Tagen der vergeisteswissenschaftlichen PR-Berieselung, dass William Faulkner den Titel bei Shakespeare entliehen hat. Eine Ahnung, was einen nach dem Aufsetzen des Tonarms (von mir aus auch nach dem Einlegen der Silberscheibe) erwarten könnte, bekommt man nach der Lektüre freilich nicht geliefert. Vielmehr wächst der Zweilfel, ob die schreibenden Musikkritiker die besprochene Platte überhaupt gehört haben; gar ob dies für ihre Besprechung überhaupt noch wichtig ist.

Die Rezension tritt gleichbereichtigt als eigenständiges Werk neben das Opus des Künstlers. Ich will das alles nicht mehr lesen, sondern nur noch die Musik hören. Musikkritiker, ihr seid Schweine. Musikkritiker, ich verachte euch zutiefst.

Ex-Sofa (Platz 12)

Drei Tage war ich weg und nun das. Nicht nur, dass die mir verhassten IKEA-Haferkekse heimlich wieder eingeführt wurden; auf dem Platz, an dem einst mein geliebtes Sofa stand, das natürlich nicht mein Sofa war, weil es auch nicht mein Café ist, obwohl ich es gern als solches bezeichne, steht nun ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen.

Mehr Sitzgelegenheiten für Frühstücker sind zwar unter ökonomischen Gesichtspunkten durchaus erstrebenswert, aber Platz 12 ist nun für mich sozusagen “durch”. Wo soll ich denn hin, wenn auf der 2 die Weizenbiertrinker sitzen und Platz 7 vom bastelnden oder buchhaltenden Zauberer okupiert werden? Wo bleibt der Charme des roten Ledersofas frage ich, während mir der Cafébetreiber rät, es doch im Keller, auf dem Gang vor den sanitären Örtlichkeiten, zu besuchen.

Nächste Woche werde ich Unterschriften sammeln — damit das Sofa wieder auf die 12 kommt. Falls das nicht hilft, trete ich in den Sitzstreik (auf dem ehemaligen Lieblingssofa vor der Toilette).

Silvester 2009

Dieses Mal kein Bleigießen mit befreundeten Pärchen, an deren Tisch er für eine ungerade Gästezahl gesorgt hätte. Stattdessen verbrachte er den Jahreswechsel allein mit seinem Fotoapparat auf einer Party mit 2000 Menschen. Normalerweise fotografierte er die Tristesse der Großstadt, an diesem Abend jedoch widmete sich sein Objektiv lächelnden Gesichtern. Fröhlich feierten sie vor sich hin; sie hatten einen stattlichen Eintrittspreis bezahlt — für sie musste es die Party des Jahres werden.

Er hingegen musste nur draufhalten, was mit zunehmendem Alkoholgenuss im Laufe des Abends immer leichter fiel. “Ich bring’ dich ganz groß raus”, hatte er im Spaß zu den Attraktiveren gesagt. Bei einigen von ihnen war er sich jedoch nicht sicher, ob sie die Ironie, die in seinen Worten mitschwang, zu verstehen vermochten.

00:00:00 Uhr, man schrieb jetzt das Jahr 2010: draußen ein Feuerwerk, neben ihm ein zögerliches Knallen von Schaumweinkorken. Die Menschen um ihn herum fielen einander plötzlich in die Arme, nur er stand ganz einsam mit seiner Kamera da.

Wenngleich auch seine Beschreibung dieses Abends etwas melancholisch klang, so wäre die Behauptung, er hätte gar keinen Spaß gehabt, unzutreffend gewesen. Schließlich hatte er viel weniger auszustehen als die jungen Damen, die an der Garderobe unermüdlich gegen das Chaos kämpften.

Wohne Orte #6

Weihnachten ist mir doch egal


MyVideo Direktegalweihnachten

Dir wünsche ich trotzdem ein frohes Fest und alles Gute für 2010!

Copa Cabana

Was ist eigentlich das Problem? Das Problem ist diesem Lande ist, dass zu wenig gewollt wird. Nur wer sich anspruchsvolle Ziele setzt, ist in der Lage, Höchstleistungen zu vollbringen. Stattdessen, wohin man auch schaut: Niveaulimbo.

Wer dem heutzutage etwas entgegensetzen will, der muss sich schon etwas Besonderes ausdenken. Gerade als Existenzgründer, gerade in der Gastronomie, gerade auf St. Pauli. Hier ist nicht Altkanzler Helmut Schmidt gefragt, der einst sagte, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Hier ist gefragt, wem die die eierlegende Wollmilchsau noch zu wenig ist. Wer auf dem Kiez die zahlungskräftigen Besuchermassen für sich gewinnen will, der eröffnet nicht einfach eine Kneipe — es muss schon eine Lounge sein. Oder eine Sportsbar. Oder ein Café. Oder ein Irish Pub. Am besten alles zusammen und auch noch mit angeschlossenem Kiosk. Und was liegt da näher, als diese Einrichtung auch noch “Copa Cabana” zu nennen? Gerade in dieser winterlichen Jahreszeit dürfte dieser sonneversprechende Name die Scharen mühelos anlocken. Hier ist man gerne Gast.

Sonntagsspaziergang

Mehr Bilder von mir auf Flickr.

Kicker

Dort, wo sich sonst die zum Kauf angebotene Kommode befand, die einst Brigitte Bardot gehört haben soll, steht plötzlich ein Kickertisch. Hamburger Berg goes Winterhude. Aber natürlich steht im Keller des Cafés nicht irgendein Kicker, sondern ein besonderer: die Spielrichtung verläuft entgegen allen Gepflogenheiten von links nach rechts. Zunächst stiftet dies Verwirrung, ist aber bei nährer Betrachtung wohlüberlegt.

Das Kneipensportgerät ist elementarer Bestandteil der Weihnachtsfeierlichkeiten, zu denen Personal, Stammgäste und Möbel geladen sind. Der ungewohnte Seitentausch ist nicht etwa — wie man zunächst meinen könnte — das Ergebnis einer fehlerhaften Montage, sondern dient dem Training der Koordination von rechter und linker Gehirnhälfte. Dadurch soll kompensiert werden, dass der weihnachtsfeierbedingt in größeren Mengen ausgeschenkte Alkohol den Besuchern der Festivität übermäßig zu Kopfe steigt. Das funktioniert so gut, dass Personal, Stammgäste und Möbel bereits bedauren, dass es sich bei dem Tischfußballtisch lediglich um ein Leihgerät handelt. Obwohl sämtliche Flaschen erfolgreich geleert wurden, gibt es am Tag danach keinen Grund, einander wieder das “Sie” anzubieten.

Pinguin

Am Südpol ist es mittlerweile so warm, dass es für George, den Pinguin, keinen Unterschied macht, ob er dort auf einer schmilzenden Eisscholle sitzt, oder sich in Hamburg befindet. Da können die Politiker in Kopenhagen noch so viel über den Klimaschutz diskutieren.

Der Pinguin aus Plüsch ist schon etwas ramponiert und sein Besitzer hat ihn einfach auf einer unwirtlichen Parkbank in der Nähe einer Bahntrasse ausgesetzt. Das ist schlimm für George, aber was hätte er dagegen tun sollen? Die Parkbank ist jetzt seine Eisscholle. Heimat kann überall sein.

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Café

Frühstück im Café du passage

Ich sitze in meinem Café und blättere in der Speisekarte. Das Café ist natürlich nicht mein Café, sondern mein Lieblingscafé, in das ich täglich gehe — unter anderem, um die Zeitung zu lesen, die natürlich ebenso wenig die meine ist. Die Karte kenne ich zwar, aber ein mir unbekannter Gast nimmt meine bevorzugte Tageszeitung in Beschlag.

Viele Gäste sind mir mittlerweile bekannt; zum Beispiel Klaus, der meistens schwarze Lederhosen trägt, und am Tisch nebenan sitzt. Er kritzelt etwas in winzigen Buchstaben auf ein loses Blatt Papier. Es könnte seine Biographie sein oder auch sein Testament. Die Buchstaben sind so klein, dass ich bezweifle, dass er sein Geschriebenes je wieder wird entziffern können; zumindest nicht ohne Leselupe. Der Gast, der die Tageszeitung in Beschlag nimmt, ist mir nicht bekannt, nicht einmal vom Sehen. Deswegen traue ich mich nicht, ihn zu fragen, ob er mir einen Teil abgibt. Es ist Freitag, und vermutlich hätte er ohnehin nur den Münchener Immobilienteil herausgerückt, der für mich einen ähnlich hohen Unterhaltungs- und Informationswert hat wie ein Lokalteil aus Reykjavik. Klaus und ich teilen uns die Zeitung immer unaufgefordert. Im Laufe der Zeit hat sich ein fester Modus herauskristallisiert, wer zuerst welchen Part lesen darf — nach einer gewissen Zeit wird getauscht.

Um die Wartezeit auf Politik, Feuilleton und Wirtschaft zu überbrücken, addiere ich die Quersummen der Preise aller Speisen und Getränke, um im Anschluss aus der Summe die Quadratwurzel zu ziehen. Mathematik hat mir nie Freude bereitet, genauso wenig wie der Sportteil, den ich stets auslasse. Sport ist noch uninteressanter als Anzeigen für großzügige Villengrundstücke am Starnberger See. Aus den Lautsprechern schallt dezent Musik: Paul Weller, von dem ich mich jedes Mal wundere, wie er an diesen Ort kommt. Der Modfather zu Gast im beschaulichen Winterhude; eine merkwürdige Vorstellung.

Zum Glück ist heute noch kein Wochenende, denn dann kommen zu allem Unglück auch noch die Wochenendfrühstücker aus ihren Löchern. Weil sie immer früher aufstehen als ich, essen sie mir meist die letzten Brötchen weg. Das Wichtigste ist, zum kleinen Frühstück ein zusätzliches Vollkornbrötchen zu bestellen. Dann startet es sich angenehmer in den Tag.

Soundtrack meines Lebens: My Funny Valentine


YouTube Direktfunnyvalentine

In der CD-Abteilung einer großen Elektromarktkette; die bestsortierte Jazzabteilung der Stadt: Eine noch recht jugendlich wirkende Mutter hält das Cover des 1959 erschienenen Albums “Chet” in der Hand. “Einmal diese Lippen küssen”, sagt sie halb träumend zu ihrer schon recht erwachsen wirkenden Tochter. Ich habe ein späteres Bild des großen Trompeters vor Augen: das eines vom Leben gezeichneten alten Mannes; keine Zähne im Mund und tiefe Falten im Gesicht, seine Bewegungen sind langsam und er ist vom Heroin gezeichnet. Ich lasse allerdings Mutter und Tochter in ihren Illusionen, denn wer küsst schon gern einen zahnlosen Junkie?

1959 allerdings sah Chet Baker tatsächlich noch aus wie ein James Dean mit Trompete. Niemand anders hat dieses Instrument so gefühlvoll gespielt, so lässig. Er war wahrlich kein Sänger und dennoch hat seine Art zu singen den Jazz geprägt. Er war kein großer Komponist, aber ein beeindruckender Interpret. Und sicher hat seinem Aufstieg nicht geschadet, dass er so fotogen war wie kein ein anderer Jazzmusiker.

Ein paar Jahre später schon begann Chet Bakers rasanter Fall: bei einer Schlägerei verlor er seine Zähne, der Drogenkonsum hinterließ seine Spuren. Dennoch war er musikalisch bis kurz vor seinem Tod zu musikalischen Glanzleistungen fähig — auch wenn er manchmal etwas fahrig wirkte, Einsätze verpasste oder Texte vergaß. In seinen letzten Jahren entstanden beeindruckende Aufnahmen wie “Live in Tokyo” (1987), aus der obigen Version von “My Funny Valentine” stammt; aber auch die Zusammenarbeit mit dem belglischen Gitarristen Philip Catherine oder die nur zwei Wochen vor seinem Tod enstandenen Konzertmitschnitte gemeinsam mit der NDR-Bigband verdienen Erwähnung. Am 13. Mai 1988 fiel er unter ungeklärten Umständen aus einem Amsterdamer Hotelfenster und war sofort tot. Bruce Webers wunderbare Filmbiografie “Let’s Get Lost” (1988) zeigt einfühlsam alle Höhen und Tiefen aus Chet Bakers bewegtem Leben. Ein tragischer Held — für immer unvergessen.

Chet Baker höre in glücklichen Momenten; Chet Baker höre ich in traurigen Momenten. Chet Baker kann man in jeder Lebenslage hören. Sogar eine Weihnachtsplatte gibt es von ihm, die einen vergessen lässt, dass “Last Christmas” je komponiert wurde.

Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu finden sich hier.