Kürzlich hat sich mein alter Haartrockner verabschiedet. Über viele Jahre war er Tag für Tag ein treuer Begleiter. Zuletzt wurde es mir aber zu heiß mit ihm. Statt lauwarmer Luftströme, die die Formung einer ansprechenden Frisur unterstützen sollten, spie er meinem schonungsbedürftigen Haupthaar nur noch Hitzestürme entgegen. Sein Innerstes glühte dabei rot auf und erhitzte sich so stark, dass er mich zunehmend an eines dieser elektrischen Heizgeräte, wie sie an Glühweinständen auf Weihnachtsmärkten zu finden sind, erinnerte. Glühwein mochte ich noch nie und ich lehne es ab, allmorgendlich an die Existenz eines erwärmten und mit Gewürzen versehenen Fusels erinnert zu werden. Als wäre dies allein nicht schon schlimm genug, verweigerte mein alter Fön auch noch nach Belieben seinen Dienst. Manchmal ging er plötzlich aus. Manchmal ging er gar nicht erst an. Und an besonders launischen Tagen ging er erst plötzlich aus und dann gar nicht mehr an. Es wurde also Zeit, sich nach einem Ersatz umzusehen.

Beim Elektrogerätehändler meines Misstrauens wurde ich mit einer unglaublich großen Anzahl von Haartrocknermodellen konfrontiert. Kein Mensch, der nicht Experte ist, ist angesichts der Komplexität der Materie in der Lage, die richtige Kaufentscheidung zu treffen. Es gibt Föne zum Klappen, mit Styling-Düsen, mit Kalttasten, mit 2000 Watt, aus Chrom, mit Wandhalter, mit Diffuser und mit Kabelknickschutz. Alles Schnee von gestern. Weiterlesen von ‘Ionenfön’

Nach einigen Tagen der Qual habe ich bereits nach einer griffigen Formulierung für meine eigene Anzeige gesucht. Zum Glück bin ich dem Sensenmann noch einmal entkommen und mit mir geht es wieder bergauf. Falls Ihr Euch für den Ernstfall rechtzeitig ein paar Anregungen holen möchtet, empfehle ich die großartige Todesanzeigensammlung von Christian Sprang, der seit vielen Jahren Kuriositäten aus diesem Bereich sammelt und diese bereits seit 2003 im Internet veröffentlicht. Und wer es lieber geschmackvoll mag, der ist hier sicher an der richtigen Adresse.
Im Moment habe ich das Gefühl, für die globale Erwärmung weitestgehend allein verantwortlich zu sein. Nicht die Abgase der Porsche Cayennes der Reichen und Schönen, sondern ausschließlich die unablässige Wärmeabstrahlung meines Leibes scheint unsere Mutter Erde geradewegs in eine verheerende Klimakatastrophe zu treiben. Seit nunmehr drei Tagen hüte ich geplagt von Fieber das Bett und gebe dabei kontinuierlich Wärme an die Atmosphäre ab. Den winzigen Rest meiner noch nicht verdampften Aufmerksamkeit fokussiere ich in Ermangelung vergleichbar anspruchloser Aktivitäten auf die Unterhaltungsform, die heute landläufig als Unterschichtenfernsehen bezeichnet wird.
Barbara Salesch wird auch nicht jünger, dachte ich. Täglich zu verhandelnde Vergewaltigungs- und Tötungsdelikte von 14jährigen, die dieser Altersgruppe im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut übergegangen sind, haben in ihrem Gesicht unvermeidliche Spuren hinterlassen. Weitergeschaltet zu Britts Frühnachmittagstalkshow muss ich feststellen, dass offensichtlich alle anderen Jugendlichen, die gerade nicht als Angeklagte vor der Amtsrichterin stehen, sich mit ihren Sexualpartnern vor laufender Kamera über den Nachweis von Vaterschaften streiten. Im Fließbandtempo verkündigt die blondgefärbte Moderatorin Ergebnisse von genetischen Analysen nach internationalen Standards und scheint hierfür mittlerweile die Kapazitäten eines gesamten Labors für ihre Sendung zu beanspruchen. Die etwas älteren Semester unter den Heranwachsenden lassen entweder mal wieder bei Big Brother die Hosen runter oder zeigen dem interessierten Publikum, wie sie ihre Liebsten mit selbstzusammengerührten und -erhitzten kulinarischen Köstlichkeiten betören, obwohl ihren Körpern auf den ersten Blick anzusehen ist, dass sie sich normalerweise überwiegend von Fastfood ernähren. Die noch Übriggebliebenen lassen währenddessen gerade ihre unlösbar erscheinenden Probleme von einer vertrauensvollen Psychologin an einem Stehtisch klären. Manche lassen auch von Privatsendern ihre Sozialwohnungen renovieren, was dann stets mit rosa- oder lindgrüngestrichenen Wänden endet, oder sie zeigen der Welt, wie sie mit Kind und Kegel in eine solche Behausung umziehen, die dann in der Regel allerdings noch nicht frisch gestrichen ist. Beim Umzug geht mehrheitlich alles glatt. Schließlich gibt es in den Haushalten, die hier vorgeführt werden, kaum Bücher, von denen man zu viele in eine wenig stabile Kiste packen könnte. Weiterlesen von ‘Fieberträume’
Noch vor wenig mehr als zehn Jahren hat man Menschen milde belächelt, die unterwegs geschäftig tuend in einen zu groß geratenen digitalen Knochen mit Antenne sprachen. Heute können wir uns unser Dasein ohne mobile Telefonie kaum noch vorstellen und in wenigen Jahren bereits wird jeder AchtFünftklässler mit seiner eigenen Brombeere ausgestattet sein.
Hierbei ist weniger von Früchten der weltweit verbreiteten Pflanzengattung Rubus aus der Famile der Rosengewächse als gesunde Beigabe zum Pausenbrot die Rede, sondern von elektronischen Spielzeugen für aufstrebende Möchtegernmanager, die ihre Bedeutung für den Kreislauf des Wirtschaftslebens nicht realistisch einzuschätzen wissen. Wie der Zufall es wollte, saß mir heute morgen ein anzugtragender Jüngling in der U-Bahn gegenüber, der ein solches Empfangsgerät für elektronische Post sein Eigen nannte (oder dieses zumindest eigenkapitalschonend geleased hat). Während der gesamten, fast halbstündigen Fahrt, drehte er unablässig mit seinem Daumen an dem an der Seite des Gerätes befindlichen kleinen Rädchen. Sein kleinster Finger fing dabei fast an zu glühen und man konnte den Eindruck haben, dass der Herr glaubte, die Bahn würde sofort anhalten, wenn er aufhörte das winzige Rädchen zu betätigen. Weiterlesen von ‘Brombeeren weisen Weg aus Energiekrise’
An Strauße dachte ich immer, wenn ich eine von ihnen sah. Mit ihren langen Beinen und dem stets etwas dümmlichen Gesichtsausdruck war die Ähnlichkeit mit den flugunfähigen Vogeltieren nicht zu übersehen. Sie hatten es nicht weit aus ihren Vordörfern in der Nähe von Winsen an der Luhe Bargteheide oder Quickborn und Pinneberg. Obwohl ihre Beine wirklich so lang waren, dass sie nur zwei, drei Schritte gebraucht hätten, um die nahgelegene Metropole zu erreichen, nahmen sie ausnahmslos den Linienbus des städtischen Verkehrsverbundes. Sie wunderten sich dann immer über die
Busfahrer, die einander im Vorbeifahren freundlich grüßend zuwinkten. Sie fragten sich, ob auch hier in der Großstadt alle Mitglieder des unüberschaubar erscheinenden Busfahrerkollegiums miteinander bekannt seien und ob sich auch diejenigen Omnibuschauffeure grüßten, die eine gegenseitige Antipathie verband, oder ob eine solche im rastlosen Treiben des Straßenverkehrs keine Rolle spielte. Schließlich blieben den Fahrern oft nur Bruchteile von Sekunden, um eine Grußentscheidung zu treffen. Unmöglich war die Komplexität dieses Denkprozesses für ein Straußenhirn nachzuvollziehen.
Während der Fahrt trainierten sie abwechselnd ein verhaltenes Lächeln und ihren möglichst geheimnisvollen Abwesenheitsblick. An ihrer Zielhaltestelle angekommen, holten sie mit der rechten Hand zuerst einen Stadtplan aus ihren mit Vogue oder Cosmopolitan beschrifteten großen Taschen, deren Trageriemen immer möglichst lässig über einer Schulter hingen, während sie mit der linken Hand die Evian-Flasche zum rotgeschminkten Munde führten. Niemals benutzten sie Falk-Pläne, das hatten sie gelernt. Mit deren Patentfaltung kamen sie nicht zurecht und für einen Einmalgebrauch waren diese zu hochpreisig. Es wurde unförmiges Kartenmaterial in Form eines Ringbuches bevorzugt. Den Stadtplan drehten sie immer mit ihrer jeweiligen Laufrichtung, doch mehr Orientierung verschaffte ihnen die unablässige Neujustierung nicht. In ihren Heimatdörfern brauchten sie keine Karte, schließlich gab es dort nur Haupt- und Kirchenstraße. Nach dem richtigen Weg zu fragen, traute sich keine von ihnen. Stattdessen stakselten sie, nachdem sie im Taschenspiegel ihr Make-up bereits das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde kontrolliert hatten, in ihren hohen Stiefeln instinktiv in sämtliche ihrem Ziel entgegengesetzte Richtungen, den Stadtplan, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt, dabei immer wilder drehend. In Mailand, Paris oder New York würden sie sich so nie zurechtfinden. Weiterlesen von ‘Laufvögel im Schanzenviertel’
Kürzlich bat mich ein Freund, während seiner urlaubsbedingten Abwesenheit alle drei bis vier Tage seine Blumen zu gießen. Eigentlich habe ich es nicht so sehr mit der Botanik. Im Prinzip bin ich für eine derartig vertrauensvolle Aufgabe ein denkbar ungeeigneter Kandidat. So warnte ich meinen Freund, dass nach unzähligen gescheiterten Begrünungsversuchen in meinem Haushalt lediglich sehr selten zu bewässernde Hydrokulturen eine Heimat fänden, da mein Umgang mit pflegebedürftigeren Pflanzengattungen auf ganzer Linie gescheitert sei. Nachdem die Wasserstandsanzeige meiner in Blähton gebetteten Zierpflanzen das Zeitliche segnete, hatten auch diese keine Daseinsgrundlage mehr. Der kleine rote Wasserstandsindikator rührte sich nicht mehr, was das Todesurteil für die gummibaumartigen Gewächse bedeute, während auch auf der Küchenfensterbank die Kakteen bis zu ihrem traurigen Ende vor sich hin dörrten.
Nun ist es bekanntlich so, dass sich an einem jeden 14. des Monats Februar der sogenannte Valentinstag jährt. Diese Tradition wird auf die Sage des Bischofs Valentin von Terni zurückgeführt, der einige Verliebte, darunter auch Soldaten, die nach kaiserlichem Befehl unverheiratet bleiben sollten, heimlich christlich getraut und ihnen zu diesem Anlass Blumen aus seinem Garten geschenkt haben soll. Valentin von Terni lebte im dritten Jahrhundert nach Christus und konnte nicht ahnen, dass ihm einige hundert Jahre später die Ehre zuteil werden würde, posthum mit dem großen Marketingorden am Band des Deutschen Floristen- und Raumbegrünungs-Hauptverbandes ausgezeichnet zu werden. Noch heute denken zahlreiche einander zugeneigte Menschen seiner und beglücken sich am Valentinstag gegenseitig mit den üppigsten Blumenpräsenten, dabei stets beteuernd, dass dieser Tag nicht, wie so viele Unwissende glauben, eine Erfindung der Floristenindustrie sei, sondern auf eine lange Tradition zurückgehe. Weiterlesen von ‘Wurstbrief zum Valentinstag’
Neuerdings wird der Boden von dunkelbraunem Parkett geziert. Sonst ist alles wie immer in der früheren Bäckerei am Schulterblatt, dieselben Kacheln wie seit geschätzten hundert Jahren. Die Ganztagsfrühstücker nehmen die Jazzmusik im Hintergrund kaum noch wahr. Meistens läuft britischer Indierock oder Hamburger Schule. Die Bedienungsdamen legen zur Abwechslung hin und wieder die Best-of-Platte von Paolo Conte auf. Es gibt keinen WLAN-Empfang und nur selten klappt ein schrägfrisierter Ringelpulloverträger seinen mit einem stivollen Apfel verzierten Tischrechner auf. Weiterlesen von ‘Saal II’
Bereits zu Beginn des Jahres versetzte die Nachricht über die Auflösung der Band Blumfeld die Hamburger Musikszene in einen Schockzustand. Wie jetzt bekannt wurde, ist auch das renommierte Indie-Label L’age d’or (LADO) nahezu am Ende. 1988 von Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge gegründet, beheimatete die kleine hanseatische Plattenfirma zunächst Bands wie Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs und Huah!, die den späteren Größen der sogenannten Hamburger Schule den Weg ebneten. In den 90er Jahren fanden die Bands Die Sterne und Tocotronic mit ihren intelligenten deutschsprachigen Texten schließlich auch bei einem etwas breiteren Publikum Gehör. Weiterlesen von ‘Krise in der Hamburger Schule’
Da war es wieder, das beharrliche Kratzen auf dem Trottoir, das einen unweigerlich aus dem tiefsten Schlaf reißt. Auch nach Bewilligung der gesetzlichen Altersrente steht der Besitzer des Nebenhauses Tag für Tag noch vor allen anderen Bewohnern der Straße auf, um nachzusehen, ob gefrorener Wasserdampf in sternförmigen Kristallen in fester Form auf die Erde gefallen ist. Aufgrund des fortschreitenden Klimawandels ist dies nur noch selten der Fall. Weiterlesen von ‘Rentnermaschine bei Schneefall’

Gestern wurde die oben zu sehende Kombination von Anzeigen neben meinem Artikel über die Hamburger Literaturszene eingeblendet. Wen es interessiert, der kann hier nachlesen, wie die Anzeigenvermarktungsmaschinerie AdSense funktioniert. Manchmal können Werbebanner aber auch Geschichten erzählen, wie sie sonst eigentlich nur das Leben schreibt. Nur an der richtigen Reihenfolge muss Google noch etwas arbeiten. Mein Vorschlag wäre:
Erst die Hochzeitsfeier in einer einzigartigen Location mit Dixieland-Musik im Hintergrund. Anschließend geht es auf Hochzeitsreise zu einer einzigartigen Location, wo das Paar den ungezwungenen Luxus ausgiebig genießen kann. Hat man dann genug voneinander, wird die Braut (wahlweise der Bräutigam) mit einem Großkalibergewehr erschossen und als Höhepunkt gibt es eine moderne Bestattung (von mir aus wieder mit Dixieland-Musik).
So schön schließt sich der Kreis.
Was macht eigentlich Robert Hoyzer heute? Ja, genau der bestechliche Ex-Fußballschiedsrichter. Die meisten Menschen werden ihn vergessen haben, seitdem er nicht mehr die Schlagzeilen der großbuchstabigen Tagespresse beherrscht, sondern in seiner Gefängniszelle dahinvegetiert geduldig auf seine bevorstehende Haftstrafe wartet. Wir jedoch, die unsere Freiheit genießen, und dank des wirtschaftlichen Aufschwungs im Lande unverzüglich, nachdem wir unsere Fabriken, Universitäten und aufstrebenden Web 2.0.-Unternehmen verlassen, in Scharen in die demnächst zigarettenrauchbefreiten Cafés, Kneipen, Restaurants, Gaststätten und Autobahnraststätten stürmen, haben diesem jungen Mann einiges zu verdanken. Weiterlesen von ‘Plasmafernseherkamin’
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