Monatliches Archiv für Juni, 2007

0815-Blogeintrag

Kürzlich bezeichnete ein anonymer Kritiker dieses Onlinejournal als ein 0815-Blog. Dies ist natürlich vollkommen berechtigt. Natürlich handelt es sich bei dieser internetbasierten Publikation um nichts Außergewöhnliches und trotzdem hat sie sich auf unerklärliche Weise bewährt – zumindest in einem überschaubaren Kreis meist wohlgesinnter Leserinnen und Leser.

Um meinem Ruf gerecht zu werden, erlaube ich mir, natürlich wie immer vollkommen befreit von jedweder Notwendigkeit, kurz auf drei relativ unbedeutende Begebenheiten des heutigen Tages einzugehen, die trotz ihrer Nichtigkeit in der Lage waren, meinen im Ansatz vorhandenen Glauben an den gesunden Menschenverstand zumindest vorübergehend ein kleines Stückchen erschüttern zu lassen.

Pritt-Stift

1) Vor der Tür der Filiale eines in Gütersloh ansässigen Buchclubs steht eine junge Dame und grüßt mich mit einer Freundlichkeit, als hätten wir bereits in der Sandkiste Brüderschaft getrunken. In ihren Händen hält sie einen Plastikeimer, in dem sich Lotterielose befinden. Sie erklärt mir, dass heute mein Glückstag sei, denn jedes Los gewönne. Etwas misstrauisch ziehe ich einen Zettel mit dem Aufdruck “418″ und lasse mich in das Ladengeschäft leiten. Hier nimmt mich eine etwas ältere Dame in Empfang und versucht mir, ohne mich zu begrüßen, etwas zu bestimmt mit den Vorteilen des Clubs vertraut zu machen. Nur mit Mühe kann ich sie davon abhalten, mir das bestens bekannte Prinzip dieser Unternehmung in aller Ausführlichkeit zu verdeutlichen und überreiche ihr erwartungsvoll mein Los. Weiterlesen von ‘0815-Blogeintrag’

Optikerbrille

Optikerbrille

Brillen sind an sich eine gute Sache. Helfen sie dem Sehschwachen nicht nur, seine Fehlsichtigkeit zu korrigieren und so seine Lebensqualität nachhaltig zu erhöhen, sondern können zudem auch als modisches Accessoire die Persönlichkeit ihres Trägers vorteilhaft unterstreichen. Dies natürlich nur, so der Träger auch nur den Ansatz einer Persönlichkeit besitzt. Ohne näher in die Psychologie der Wahl der künstlichen Sehhilfen einsteigen zu wollen, sei an dieser Stelle kurz angemerkt, dass es sicher einen Grund hat, dass Guido Westerwelle, seines Zeichens Vorsitzender einer sich selbst als liberal bezeichnenden Partei, seit Jahren ausschließlich konturlosen Modelle bevorzugt.

Das exakte Gegenteil des blau-gelben Parteivorsitzenden ist, möglicherweise nicht unbedingt hinsichtlich der Vorstellungen von einer gelungenen Unternehmenssteuerreform, sondern eher brillenmodisch betrachtet, der selbständige Optikermeister. Weiterlesen von ‘Optikerbrille’

Trinken auf Rädern

Vor ein paar Tagen hatte ich bereits das Vergnügen, an dieser Stelle ein Bild eines amüsanten Biertransporters zu veröffentlichen. Zwischenzeitlich hatte ich die Gelegenheit, einen ebenfalls in diese Reihe passenden mobilen Schankstand abzulichten, welchen ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte:

Trinken auf Rädern

Ein lustiger Begleittext zu diesem Photo fällt mir leider im Moment nicht ein, aber das Bild spricht ja auch für sich. In diesem Sinne: Prost!

Café unter den Linden

flickr: Café unter den Linden

Etwas abseits der belebten Schanzenpiazza, wo Mädchen mit tellergroßen Sonnenbrillen bekleidet Milchkaffee aus Gläsern trinken, den sie Galão nennen, liegt an einer ruhigen kopfsteingepflasterten Straßenkreuzung das Café unter den Linden. Dort, wo ich in meiner Jugend den ersten Milchkaffee aus der Schale trank und den Übergang vom Speiseeis zum Kuchen meisterte, bin ich bis heute hängengeblieben. Am exzellenten Service kann es nicht liegen. Fast glücklich darf sich schätzen, wer die Gelegenheit erhält, eine Bestellung aufzugeben; eine Audienz beim Papst dürfte einfacher zu erlangen sein. Die Betreiber haben es geschafft, ausschließlich charmant-verpeilte Leute für ihre Servicecrew zu rekrutieren, denen man es allerdings kaum übelnehmen kann, übersehen zu werden oder genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich bestellt hat, geliefert zu bekommen. Ganz sicher hat dies System, andernfalls wäre eine solche Homogenität und die Tatsache, dass sich auch der Servicenachwuchs perfekt in das Servicekonzept einpasst, nicht zu erklären. Ebenfalls zu monieren wäre, dass es dem Personal gelingt, den Innenraum, der sich im vorderen Teil durch einen 50er-Jahre-Eisdielen-Stil und im hinteren Teil durch gemütliche Lederbänke gekennzeichnet auszeichnet, meist mit nervraubender und unpassender Musik, oft elektronischer Art, zu beschallen. Weiterlesen von ‘Café unter den Linden’

Ausgequetscht

Ganz am Anfang, als alles noch neu war,
wie prall lagst du da in meiner Hand.

Ich mochte deine Kühle und Frische.
Mindestens zweimal täglich
brachtest du mich zum Schäumen.

Schon bald kehrte jedoch der Alltag ein und
der sanfte Druck musste erhöht werden.
Ich konnte nicht mehr anders,
alles was in dir war,
musste ich aus dir herausholen.

Ausgetrocknet schienst du mir.
Aufschlitzen wollte ich dich.
Ich gab meinem Verlangen nach,
doch du warst leer.

Zeit für eine neue Tube Zahnpasta.

Warteschlangengeschichten Teil 6

flickr: Wochenmarktstand

In der Warteschlange vor dem mobilen Verkaufsstand einer Hamburger Biobäckerei geht es leider nur mühsam voran. Die Verkäuferin ist wie immer etwas zu übereifrig und noch lange, bevor ich die Gelgenheit habe, meine Müslistange und ein Dinkelbrötchen zu bestellen, weiß ich, welcher Dialog so genau Wort für Wort gleich nach dem freundlichen Begrüßungsprozedere folgen wird:

Ich: “Eine Müslistange und ein Dinkelbrötchen, bitte.”
Verkäuferin: “Und worauf haben Sie noch Appetit?”
Ich: “Da gäbe es sicher eine ganze Menge, aber ich bleibe bei meiner Bestellung.”

Passend reiche ich das abgezählte Münzgeld über den Bedienungstresen und dann stellt sie mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit die nächste Frage, bei der mir jedesmal Nackenhaare wachsen, um sich sogleich senkrecht aufzustellen.

Verkäuferin: “Brot haben Sie noch zuhause?”

Von diesem Dialog gibt es keinerlei Abweichung. Wer dies nicht glauben kann, sollte einmal an einem Donnerstag auf dem Wochenmarkt am Hamburger Schulterblatt oder an einem Freitag in Ottensen versuchen, kein Brot zu erwerben. Ich kaufe gern ein und lasse mir auch gern etwas verkaufen, aber diese penetrante Art der Suggestivfragerei bringt mich auf die Palme.

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Hier gibt es weitere Warteschlangengeschichten.

Der Duft des roten Bullen

flickr: Red Bull
Foto: DogFromSPACE

Kaum ein olfaktorischer Reiz ist mir so zuwider wie der eines angeblich flügelverleihenden alpenländischen Energiegetränks. Warum decken Menschen ihren Koffeinbedarf nicht, indem sie eine Tasse Kaffee oder schwarzen Tee zu sich nehmen? Warum decken sie ihren Zuckerbedarf nicht, indem sie massenweise Würfelzucker in sich hineinstopfen? Warum decken sie ihren Flüssigkeitsbedarf nicht, in dem sie ganz einfach ein Glas wohltemperiertes Wasser, meinetwegen auch mit Zusatz von Kohlensäure, zu sich nehmen?

Warum nur muss es immer und überall dieses aufdringliche und übermäßig süß stinkende Weichgetränk aus der blau-silbern schimmernden Aluminium-Einwegdose sein, das bei mir, sobald deren Verschluss geöffnet wird, einen unaufhaltsamen Brechreiz auslöst?

Ich bin der Bringer

flickr: Ich bin der Bringer!

Das gute Astra, welches mit Liebe im Herzen Hamburgs gebraut wird, ist bekannt für seine humorvolle Werbung. Aber nicht nur die Plakatwerbung ist großartig, sondern auch die Lieferwagen der Bavaria-St. Pauli-Brauerei machen einiges her. Es gibt noch weitere Transporter mit der Aufschrift “ICH FAHR’ NICHT RUM, SONDERN ASTRA.”; diese sind mir jedoch leider nie vor die Linse gefahren. Weiterlesen von ‘Ich bin der Bringer’

Dreisatzstock

Irgendwie sind mir Stöckchen oft ein bißchen lästig, aber ich will kein Spielverderber sein. Dieses Holz hat mir Anne bereits vor langer Zeit vier Wochen zugeworfen; es ist bereits ein wenig morsch geworden. Es geht darum, die drei fettgedruckten Satzteile um drei weitere Sätze oder Zeilen zu ergänzen. Also, Augen zu und durch:

1. Der Wagen raste gegen einen Baum,
man glaubt es kaum.
Ich muss nochmal genauer schau’n:
Ach nein, es war doch nur ein Gartenzaun.

2. Die Frau setzte ihren Hut zurecht,
mit zärtlichem Gefühl.
Die Kopfbedeckung steht ihr schlecht,
dafür ist ihr weniger kühl.

3. Der Mann zündete eine Zigarette an,
soll er doch machen,
solang er’s noch kann,
irgendwann verklebt ihm der Teer den Rachen.

In der Hoffnung, dass andere diese Aufgabe mit mehr Phantasie, Eleganz und Begeisterung bewältigen, werfe ich diesen Stock weiter an Mek Wito, René und Oliver. Ich wünsche Euch viel Spaß und Erfolg damit.

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Bitte werft in Zukunft, wenn es sich denn schon nicht vermeiden lässt, nur noch mit Premiumstöckchen auf mich. Dazu zählen keine Technikfragebögen. Vielen Dank.

Warteschlangengeschichten Teil 5

Sie fahren eine Rolltreppe herunter und bleiben danach stehen. Sie verlassen einen Personenaufzug und bleiben danach stehen. Sie verlassen eine U-Bahn und bleiben danach stehen. Einfach so, kein Schritt mehr, als hätte sie der Blitz getroffen. Hinter ihnen bricht vollkommen unerwartet das Chaos aus.

So entstehen Warteschlangen aus dem Nichts. Was bringt diese Leute nur dazu, einfach stehenzubleiben?

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Mehr Warteschlangengeschichten: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Sitzblockade (*)

Diese Sitzposition ist mir zutiefst zuwider. Immer häufiger sind in Cafés dem Anschein nach erwachsene Frauen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren dabei zu beobachten, wie sie einen Fuß auf die Sitzfläche ihres Stuhls stellen. Stoisch halten sie dabei das angewinkelte Bein mit beiden Armen fest umschlossen. Ununterbrochen versuchen sie währenddessen verkrampft mädchenhaft ihr Gegenüber anzulächeln und reißen ihre Augen dabei so weit auf, als träte jeden Moment eine totale Sonnenfinsternis ein. Vielleicht haben sie aber einfach nur ihre homöopathischen Tröpfchen zu hoch dosiert. Niemals vergessen sie, ihren Kopf ganz sanft im 15 Grad Winkel zur Seite zu neigen, und sobald die ersten blauen Bänder wieder durch die Lüfte flattern, streifen sie, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt, ihre Korkfußbettsandalen ab, damit ihre türkisfarbenen Zehenringe besser zur Geltung kommen.

Warum versteht Ihr nicht, dass wir das nicht sehen wollen?

* Sitzblockade war ursprünglich nur der Arbeitstitel dieses Beitrages. Da er aber so wunderbar in die Zeit Rund um die Demonstrationen am Rande des G8-Gipfels in Heiligendamm passt, und mir gerade keine bessere Überschrift einfällt, belasse ich es einfach dabei.

Freitag ist Musiktag

Lieber Tonträgerfachhändler,

heute ist Freitag und seit 2005 ist freitags Musiktag. So hat es sich zumindest die Schallplattenindustrie ausgedacht, damit wir Kunden wieder häufiger auf ihre Produkte zurückgreifen. “Donnerstag ist Kinotag und Freitag ist Musiktag”, so umschrieb es Gerd Gebhardt, Vorsitzender der Phonoverbände, als dieses geniale mysteriöse Motto mit Tamtam und Bohei ausgerufen wurde. Was er uns damit sagen wollte, ist, dass der Freitag zu den umsatzstärksten Tagen im Einzelhandel zählt und dass es doch prima wäre, dem kaufwilligen Verbraucher an diesem Tag der unbegrenzten Einkaufsfreude, an dem das Geld so richtig locker sitzt, auch gleich die Neuerscheinungen des Tonträgermarktes an die Hand geben zu können.

Ich gehe freitags selten einkaufen. Warum auch? Man kann auch an Montagen, Dienstagen, Mittwochen und Donnerstagen das Geld – ganz antizyklisch – nach Belieben zum Fenster hinauswerfen. An Freitagen gehe ich eigentlich nur einkaufen, wenn ich mir mal wieder eine brandneue heiße Scheibe gönnen will. Weiterlesen von ‘Freitag ist Musiktag’