Monatliches Archiv für Juli, 2007

Versuch eines medienkritischen Gedichts

Potter, Simpsons, Dalai Lama
sind die Helden dieser Tage,
Vattenfall und Fahrradfahra*
brachten jüngst das Volk in Rage.

Doch nur ein paar Wochen später,
sind es wieder Volksvertreter,
Sex-Skandale, schwarze Kassen,
die uns nicht in Ruhe lassen.

Neue Helden müssen her:
das Sommerloch droht bald.
Wie wär’s mit einem neuen Bär?
Sein Schicksal ließe niemand kalt.

Ob nun ein Bruno oder Knut
- der Auflage tut’s gut.
Der Bär als Sau durch’s Dorf getrieben,
die Zeitungsmacher werden’s lieben.

* Anmerkung des Dichters: Die Fahrradfahrer haben sich so blödgedopt, dass ihnen sämtliche für Orthographie zuständige Gehirnzellen abgestorben sind. Das ist in diesem Fall nicht weiter tragisch, so reimt sich das Gedicht wenigstens.

Tischlein deck dich

Tischlein deck dich

Hamburg ist rot-orange. Überall, wohin man sieht: Jutebeutel und wallende Gewänder. Selbst mein beschauliches Wohnviertel haben sie bereits erreicht, stelle ich fest, während ich in meinem Stammcafé im Cappuccino herumrühre. Kahlköpfige Mönche posieren bereitwillig lächelnd zum Gruppenphoto und Tausende meditierende Hausfrauen aus der schwäbischen Provinz pilgern in das Tennisstadion, um vom Ozean der Weisheit zu erfahren, wie sie den Kreislauf des Leidens durchbrechen können. Beschwingt von so viel Erkenntnis erkunden sie anschließend die touristischen Attraktionen der Hansestadt. Im Wind wehen dabei unentwegt die ihnen um die Hälse hängenden Plastikschilder, als wären diese nicht bloß die Zugangsberechtigung zum Tennisplatz, sondern auch gleich die Eintrittskarte ins Nirvana.

Niemand in der Stadt aber scheint sich der in der Luft liegenden positiven Stimmung entsagen zu können. Auch mich lässt der Besuch seiner Heiligkeit, des 14. Dalai Lamas, nicht kalt. Mitgefühl empfinde ich in diesem Moment vor allem für die neben mir sitzende alleinerziehende Mutter des hyperaktiven Kleinkindes, das seit einer gefühlten halben Stunde sämtliche in greifbarer Nähe befindlichen Speisekarten, Aschenbecher sowie Salz- und Zuckerstreuer auf meinem Tisch platziert, indem er auf diesen größtmögliche Kraft ausübt. Salz- und Zuckerstreuer drohen zu zerbersten. Ich bleibe gelassen übe mich in Gelassenheit – auch ohne Meditation. Die arme Mutter muss dieses anstrengende Balg den ganzen Tag ertragen. Mitgefühl empfinde ich aber auch mit dem Jungen. Völlig unerwartet ruft die Mutter den Jungen nach einer gefühlten Stunde zur Ordnung. Er heißt Herbert. Mein Mitgefühl für die Mutter entweicht langsam, denn ich habe gelernt: kein Handeln bleibt ohne Folge [siehe auch Karma], das gilt natürlich auch für die Namensgebung des Nachwuchses.

Ein Fall für zwei

Vorspann: Dum-di-dum, Dum-di-dum-di-dum, Dum-di-dum-di-dum, Dum-di-dum, Da-da-da-da-da-dap-da-da-da … (Kameraschwenk auf die Skyline von Frankfurt am Main)

Prolog: Die Rechtsanwälte kommen und gehen, aber Privatdetektiv Josef Matula (gespielt von Claus Theo Gärtner) trägt immer noch seine alte Wildlederjacke.

Hauptteil: Zuerst wird immer jemand erschossen, ein Tatverdächtiger ist aber zum Glück sofort zur Hand und wird umgehend von der Polizei festgenommen. Ein Angehöriger des Tatverdächtigen wartet bereits bei Sekretärin Helga und trinkt Kaffee, als der Strafverteidiger seine Kanzlei betritt. Der Angehörige bittet den Rechtsanwalt, die Verteidigung zu übernehmen, der Rechtsanwalt zögert zunächst und muss sich das noch einmal genau überlegen. [Variation: Rechtsanwalt kennt den Tatverdächtigen bereits seit vielen Jahren, in diesen Fällen besteht kein Zweifel, dass er die Verteidigung übernimmt.] Matula kommt zufällig vorbei, er ist wieder knapp bei Kasse und benötigt dringend einen neuen Auftrag. Schließlich trägt er bereits seit über zwanzig Jahren dieselbe Wildlederjacke und will sich endlich mal eine neue kaufen, außerdem muss er wieder seine Miete bezahlen. Der Rechtsanwalt zeigt Matula eine Zeitung mit großen Buchstaben, in der bereits ausführlich über die Tat berichtet wird. Matula grins debil und bestellt in Gedanken schon die neue Lederjacke.

Der Rechtsanwalt trifft den Tatverdächtigen in dessen Zelle und entscheidet nach gründlicher Abwägung aller Fakten, das Mandat zu übernehmen. Weiterlesen von ‘Ein Fall für zwei’

Modetrend Papagei

flickr: Papageien
Foto: Andy Tinkham

Papageien (Psittacidae) sind soziale Vogelarten, die, mit Ausnahme von Europa, auf allen Kontinenten verbreitet sind”, so steht es zumindest in dem von der Sachverständigengruppe Gutachten über die tierschutzgerechte Haltung von Vögeln herausgegebenen Schriftstück Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien. Mein Eindruck ist jedoch ein anderer. Die Zeiten ändern sich; schließlich ist das erwähnte Papier bereits aus dem Jahre 1995 und somit sicher etwas veraltet.

Gestern ging ich durch die Straßen St. Paulis und dachte – wie es bereits Heinrich Heine tat -, was ein junger Mensch zu denken pflegt, nämlich gar nichts. Plötzlich kam ein Mann vorbei, auf dessen Schulter ein Papagei, genauer gesagt ein buntgefiederter hellroter Ara, saß. Wie uns das Merkblatt aus dem Hause Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucher weiter lehrt, ist das Bedürfnis dieser Vogelart nach sozialen Kontakten “durch Paarhaltung oder, bei begründeter Einzelhaltung, durch tägliche ausreichende Beschäftigung mit dem Vogel nachzukommen.” Der Mann, offensichtlich ein gewissenhafter Tierhalter und -freund, schien mit dem Inhalt des Merkblattes bestens vertraut zu sein; jedenfalls erschien mir das Ausführen des gefiederten Freundes die Auflage der ausreichenden Beschäftigung zu erfüllen und das Fehlen eines zweiten Tieres erfolgreich zu kompensieren. Wer einen Papagei besitzt, der muss ihn auf seiner Schulter ausführen; das war schon in den alten Piratenfilmen so. Zwei Papageien gleichzeitig auf den Schultern auszuführen, wäre sicher eine weitaus größere Herausforderung, aber ein derartiger Ausflug wäre obsolet, weil die Vögel sich laut Merkblatt in diesem Falle mit sich selbst beschäftigten. Weiterlesen von ‘Modetrend Papagei’

Kapitulation

Kapitulation, so heißt das neue Album der Band Tocotronic, welches am 6. Juli 2007 erschienen ist. Dieses habe ich ganz brav auf Compact Disc in einem Laden erworben und erhielt als Geschenk dazu das oben abgebildete T-Shirt.

Gestern hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, dieses Kleidungsstück zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auszuführen und wurde von mindestens fünf Leuten gefragt, was es damit auf sich habe. Offensichtlich ließ der Aufdruck zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu. Daher an dieser Stelle in aller Deutlichkeit:

“Nein, ich habe am 6. Juli 2007 nicht geheiratet.”

Es ist einfach Rockmusik.

Warteschlangengeschichten Teil 7

Rolltreppe

An meiner heimischen U-Bahn-Station gibt es eine neue Errungenschaft: Eine Rolltreppe, die ihre Richtung wechselt. Nicht, dass es so wäre, dass, wenn man gerade auf ihr stünde und sich nach oben befördern ließe, die Fahrtreppe eigenmächtig, sobald man sich auf der Hälfte des Weges befände, dazu entschlösse, den Fahrgast wieder zu seinem Ausgangspunkt, an den Fuß der Treppe, zu befördern. Nein, die Sache stellt sich viel schlichter dar. Ab 10 Uhr, sobald auch der verschlafenste Berufspendler seine Arbeitsstätte erreicht hat, und die Treppe ohnehin den größten Teil des Tages unbenutzt und hoffnungsfroh auf den nächsten Bahnfahrer wartet, den sie seinem Ziel ein kleines Stückchen näher bringen könnte, wandelt sich diese auf den ersten Blick ganz gewöhnliche Rolltreppe zu einem Lehrstück in Sachen künstliche Intelligenz, in Fachkreisen auch als KI bekannt. Nähert sich ihr jemand von oben und löst damit eine Lichtschranke aus, so befördert die Fahrtreppe diese Person nach unten und verfällt danach wieder in ihren gewohnten Ruhezustand. Dasselbe geschieht, wenn sich ihr jemand von unten nähert. Sobald der Fahrgast die Lichtschranke am unteren Ende passiert, fährt die Treppe nach oben. Eigentlich ein ganz einfaches Prinzip, so man es denn verinnerlicht hat. Weiterlesen von ‘Warteschlangengeschichten Teil 7′

Wendy-Boy

Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde.
(aus einem Poesiealbum)

Wenn es zwei Dinge gab, die ich in meinem Leben als Grundschüler nicht sonderlich geschätzt habe, so waren es Poesiealben und die Freizeitgestaltung meines damals besten Freundes Lars (*).

Ständig überreichten einem doofe Mädchen – andere gab es damals noch nicht – ihre rosafarbenen Büchlein, in denen man sich als Zeichen der eigentlich gar nicht vorhandenen Freundschaft auf der jeweils rechten Seite mit einem Sinnspruch verewigen sollte. Die jeweils linke Seite ließ Raum für gestalterische Freiheiten in Form von Glanz- und Glitzerbildchen, Scherenschnitten oder ganz banalen Stickern, die es mit Bedacht einzukleben galt, ohne die Seiten mit Klebstoff zu verschandeln. Wer über ausreichend Begabung verfügte, konnte auch seine Buntstifte zum Einsatz bringen. Mir war das alles eine Qual. Oft schleppte ich das Büchlein wochenlang in meinem Schulranzen herum, bevor ich mich dazu durchringen konnte, ein paar Linien mit dem Bleistift zu ziehen und in schönster Handschrift einen Spruch zu kopieren, den ich einige Seiten zuvor erspäht hatte. Den besonders doofen Mädchen gab ich schließlich, nachdem die Rückgabe mehrfach angemahnt wurde, das Album einfach unbearbeitet zurück. Weiterlesen von ‘Wendy-Boy’

Bördelgeschichte

Gibt es eigentlich Geschichten, die wirklich niemanden interessieren? Keine Angst, dies ist nicht eine solche, sondern lediglich eine Geschichte über Geschichten, die niemanden interessieren.

Ein Freund hatte in seiner Jugend einen Nachbarn. Dieser Nachbar war seines Zeichens Diplom-Ingenieur. Das Berufsbild des Ingenieurs ist bekanntlich gekennzeichnet durch die systematische Aneignung, Beherrschung und Anwendung von wissenschaftlich-theoretisch fundierten und empirisch gesicherten technischen Erkenntnissen und Methoden, wovon sich mein Freund eines Tages völlig unvermittelt überzeugen lassen musste, als er seinen Nachbarn zufällig auf der Straße traf. Die für ihn günstige Gelegenheit packte der technische Gelehrte spornstreichs beim Schopfe, um meinem Freund ausführlichst einen Überblick über sein Fachgebiet, die hohe Kunst des Bördelns, zu geben.

Vereinfacht dargestellt bezeichnet man als Bördeln das rechtwinklige Aufbiegen des Randes ovaler oder runder Bleche unter Zuhilfenahme einer Bördelmaschine oder von Hand. Der Ingenieur wäre nun kein Ingenieur, könnte er diese Erkenntnis für jedermann klar verständlich in zwei bis drei kurzen Sätzen abhandeln. Weiterlesen von ‘Bördelgeschichte’

Montagscafé

Heute ist Dienstag. Dienstage sind ganz okay, jedenfalls besser als Montage. Montage taugen nicht viel. Beenden sie doch stets viel zu kurze Wochenenden und führen einen zurück in die unvermeidliche Konfrontation mit den Unzulänglichkeiten des Alltags. Aber weder das zu früh und zu lautstark ertönende Klingelgeräusch des Weckers noch überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, in denen transpirierende Menschen dicht an dicht gedrängt befördert werden, oder gar die Absurditäten des Arbeitslebens sind das Schlimmste am Beginn der Woche. Das Schlimmste an Montagen ist, dass mein Stammcafé seinen wöchentlichen Ruhetag einlegt.


Café du passage, montags leider geschlossen

Ausgerechnet am Montag, der sich bekanntlich viel angenehmer als verlängertes Wochenende genießen ließe, ist das geschätzte Café du passage geschlossen. Nicht dass ich den Besitzern sowie dem freundlichen Personal einen wohlverdienten Ruhetag nicht gönnte, haben sie ihn sich doch durch den engagierte Betrieb der charmanten Großstadtoase redlich verdient. Es ist vielmehr so, dass mir der Entzug nicht bekommt. Weiterlesen von ‘Montagscafé’