Monatliches Archiv für Januar, 2008

Warenwelten #4: Tauben, Fischmarkt und Verbrecher

Zufällig führte mich mein gestriger Weg direktemang über den Fischmarkt. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr dort; ist dieser Ort doch zu einer Touristenfalle verkommen, die gleich einem schwarzen Loch riesige Mengen an auswärtigen Hamburgbesuchern in sich aufsaugt, und ein paar Stunden später nichts weiter zurücklässt als bergeweise Unrat (ob ein schwarzes Loch neben Gravitationskräften auch die Fähigkeit hat, Touristen in Unrat zu transformieren, vermag ich aus physikalischer Sicht nicht zu beurteilen). Das Wassergetier, dem dieser Markt seinen Namen verdankt, wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Nebensache. Mittlerweile finden sich hier mehr Händler, die versuchen, stumpfe Rasierklingen, leere Batterien, kurzfristig gammelndes Obst und Gemüse sowie neuartige Autopolituren, die nicht nur den Schmutz, sondern sehr zuverlässig auch gleich den Lack des Fahrzeuges mitentfernen, an die von ihrem Reeperbahnbummel übernächtigten Hansestadtbesucher zu bringen. Nur wer ganz genau hinhört, kann irgendwo im Getümmel das vom jahrzehntelangen Marktschreien schon ganz heiser gewordene Rufen von Aale-Dieter hören, der als einer der letzten seiner Zunft noch mit Nachdruck fangfrischen Fisch anpreist.

Plötzlich musste ich stocken, als ich im Winkel meiner noch im Halbschlaf befindlichen Augen einen mir bis dahin unbekannten Marktstand entdeckte. Hier wurde lebendes Geflügel in winzigen Käfigen feilgeboten. Steckte man glückliche Legebatterienhennen in diese nur schuhkartongroßen Käfige, bekämen sie Platzangst. Steckte man andersherum das hier eingesperrte Federtier in eine konventionelle EU-genormte Legebatterie, so fühlte es sich sicher wie ein einsamer Kuhjunge in den endlosen, hügeligen Weiten der Kinowerbung und würde sofort nach Lasso, Pferd und Zigaretten verlangen. Alles, was zwei Beine und Federn hat, wurde an diesem tierfeindlichen Marktstand angeboten – so auch Tauben. Weiterlesen von ‘Warenwelten #4: Tauben, Fischmarkt und Verbrecher’

Paternoster

Pauline und Pjotr trafen sich das erste Mal auf dem Platz vor dem Planetarium. Pilze wollten sie ursprünglich sammeln, aber naturgemäß gab es auf dem Platz vor dem Planetarium keine Pilze. Plötzlich fassten sie den Beschluss, gemeinsam eine Pinte aufzusuchen. Auf den Plätzen neben ihnen saßen Männer, die weder besonders alt, noch besonders jung waren. Genau betrachtet, waren sie überhaupt nicht besonders. Die Männer spielten eine Partie Poker während sie gelangweilt an ihrem, schon etwas abgestandenem Pils nippten.

Pauline schwärmte Pjotr vom Paternosterfahren vor. Immer wenn sie traurig sei, so Pauline, deren Augen nun ein Pjotr bis dahin unbekanntes Leuchten preisgaben, fahre sie im ehemaligen Paketamt, gegenüber ihrer kleinen Wohnung, eine große Runde mit dem Paternoster. “Einmal ganz oben herum und einmal unten”, sagte sie, “sonst hilft es nicht.” Pjotr ist noch nie Paternoster gefahren, obwohl auch er oft traurig ist. “Auf keinen Fall darf man im obersten Stockwerk aussteigen. Man muss immer weiterfahren.”, sagte Pauline. Pjotr nickte verständnisvoll, obwohl er nicht verstand, was Pauline wirklich meinte. Er konnte sie auch gar nicht verstehen, denn er ist schließlich noch nie mit einem Paternoster gefahren. Pjotrs Blick färbte sich plötzlich melancholisch und er trank seinen Pastis in einem Zuge aus. “Komm, Pauline.”, sagte er zu ihr. “Lass uns Pilze sammeln gehen.”

                                                                                         

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Warenwelten #3: Leergutautomat. Eine Erzürnung.

Meine Großeltern väterlicherseits hatten beim Aufsuchen dieser Supermarktkette immer die größte Freude. Woche um Woche studierten sie genau das der örtlichen Zeitung beiliegende Prospektmaterial. Gab es bei dem von ihnen immerzu als “Konsum” bezeichneten Discounter wieder einmal Blumenkohl im Sonderangebot, selbstredend riesige Köpfe für nur eine Mark, so schreckten sie nicht davor zurück, mit dem Automobil einen Weg durch die gesamte Stadt zurückzulegen, um das Gemüse zu dem wahrlich günstigen Preise zu erwerben. Benzin war schließlich damals billig und Klimaschutz noch gar nicht erfunden.

Auch heute noch suche ich regelmäßig einen Markt dieser Kette auf, allerdings muss ich dafür nicht die Stadt durchqueren, sondern lediglich die Straßenseite wechseln. Eine Begeisterung für den “Konsum”, wie ihn meine Großeltern in Anbetracht des erschwinglichen Gemüses an den Tag legten, will sich bei mir jedoch nicht entfalten, obwohl dort heute sogar niedrigpreisiges Biogemüse feilgeboten wird.

Meine Konsumbesuche machen mich, im Gegensatz zu meinen Großeltern, denen das Aufsuchen dieses Einzelhändlers stets die größte Freude bereitete, häufig sogar zornig. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es gilt, das Leergut an dem dafür vorgesehenen Automaten zurückzugeben. Die Rückgabe von bepfandeten Einwegflaschen gipfelt jedes Mal in einem Kampf zwischen Mensch und Maschine. Weiterlesen von ‘Warenwelten #3: Leergutautomat. Eine Erzürnung.’

Warenwelten #2.1: Buchkaufhaus (Alternative Take)

Illustration: lady-kinkling

Vergessen Sie alles, was Sie über Buchhändler wissen. Denken Sie jetzt nicht an muffige Antiquariate oder verschrobene Sortimentsbuchhändler, die jeden Band, bevorzugt in Leinen gebunden und mit Lesebändchen ausgestattet, liebevoll einzeln für ihre Kunden ausgewählt und zu einem großen Teil sogar selbst gelesen haben. Stellen Sie sich stattdessen ein Modegeschäft vor. Nein, nicht die ramschige Filiale einer schwedischen Kette am Rande einer Kleinstadtfußgängerzone, sondern denken Sie an Prachtmeilen in internationalen Großstädten. Denken Sie an Haute Couture, an lichtdurchflutete Präsentationsräume. Denken Sie an einladende Sitzecken mit hochpreisigen Espressoautomaten. Sehen Sie sich hier gern in Ruhe um, schließlich sollen Sie sich hier wohlfühlen.

“Das soll also ein Buchladen sein?”, werden Sie jetzt denken. Nein, natürlich ist dies hier kein herkömmlicher Buchladen wie Sie Ihn kennen – dies ist ein Buchkaufhaus. Entspannen Sie, sehen Sie sich noch ein wenig um, wenn Sie mögen, vielleicht einen Espresso oder einen Cappuccino oder einen Caffè Latte? “Ah, so sieht also ein Buchkaufhaus aus”, werden Sie möglicherweise voller entzücken denken, während Sie Ihre Blicke mit großen Interesse kreisen lassen. Weiterlesen von ‘Warenwelten #2.1: Buchkaufhaus (Alternative Take)’

Warenwelten #2: Buchkaufhaus

Dieses Einzelhandelsgeschäft könnte sich in der Prachtmeile einer jeden Großstadt oder in einem gehobenen Einkaufszentrum befinden. Die Räumlichkeiten sind großzügig angelegt und die Gänge weitläufig. Das Licht ist hell und fast einladend, aber der geflieste Boden strahlt gleichzeitig eine elegante Kälte aus. Auch eine Sitzecke mit Espressomaschine darf hier nicht fehlen. Sind wir bei Jil Sander, Escada oder gar bei Chanel?

Ein Blick in das Handelsregister verrät uns, dass es sich um die Filiale eines sogenannten Buchkaufhauses handelt. Ein Blick in die Regale verrät, dass es sich tatsächlich aber um einen Gemischtwarenladen handelt. Hier gibt es alles: Kalender, Schreibwaren, Geschenkartikel und Schokolade. Hier gibt es alles – außer Bücher. Wer hier nach einem Werk Thomas Bernhards Ausschau hält, wird immer nur Die Tochter der Pferdefrau von Jutta Beyrichen finden.

Wer sich jedoch genauer umsieht, wird aber auch an diesem Ort auf eine größere Auswahl an Druckerzeugnissen in Form von bunten Taschenbüchern stoßen. Diese werden konsequenterweise gleich nach Farben sortiert präsentiert. Alle Titel, die gerade nicht mehr in einem der zahlreichen Bestseller-Stellagen auf ihre Käufer warten, sind entweder auf einem der großen Ramschtische im Eingangsbereich zu finden oder werden in thematisch sortierten Stellagen zusammegepfercht. Die beliebtesten Rubriken sind natürlich “Beste Unterhaltung”, “Liebe & Romantik” und “Freche Frauen”.

Wer sich freiwillig an diese Stätte des Konsums begibt, der wollte entweder eigentlich zu Jil Sander oder er sucht nach einem Präsent für einen Menschen, den er so sehr mag wie ein Loch im Kopf. Man hat aber auch schon davon gehört, dass Schaufensterdekorateure von Regalfachmärkten hier nach geeigneten Dekorationsgegenständen Ausschau halten. Freunde der Literatur indes sind hier so selten anzutreffen wie ein Vegetarier in der Metzgerei.

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Stolpersteine

Auch auf vermeintlich ebenen Wegen kann man leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Schallt einem ausgerechnet in diesem Moment der Schwäche ein eher belustigtes als fürsorgliches “Obacht!” aus dem Munde eines diese Szenerie genüsslich beobachtenden Mitmenschen, welcher seine klammheimliche Vorfreude über den von ihm erwarteten Fall kaum zu unterdrücken vermag, entgegen, so weiß man nicht, ob man nun, da an dieser doch eher peinlichen Situation nichts mehr zu ändern ist, angesichts der eigenen vermeidbaren Unachtsamkeit oder mit Blick auf die unvermeidbare Niedertracht des anderen verdrießlich sein sollte. Hilfreich und angemessen ist es indes, in derartig mißlichen Situationen möglichst aufrechten Ganges von dannen zu ziehen und die Gewissheit auszustrahlen, dass ein unerwartetes Taumeln auf tatsächlich ebener Strecke das Selbverständlichste auf der Welt sei. Nur bei größtmöglicher Ausstrahlung von Selbstsicherheit kann das wortlose Zurücklassen des vormals schadenfrohen Beobachters, welcher sich selbst nun wiederum ein wie soeben an den Tag gelegtes famoses körperbeherrschendes Gleichgewichtsvermögen wünscht, eine solche Begegnung in einen späten Triumph verwandelt werden.

Utz, Kapitel 3: Schleudertraining


Foto: pulfi

Utz quälte sich sehr. Er fährt nicht gern mit dem Linienbus seit dem Vorfall, damals. Außerdem ist er nicht nur erster Beisitzer im Verein zur Pflege der Schirmmützenkultur Deutschlands e. V., sondern auch überzeugtes ADAC-Mitglied. Zu seinem vorletzten Geburtstag bekam Utz einen Schleuderkurs geschenkt. Seitdem konnte er vom Schleudern nicht mehr lassen. Überall musste er, nachdem er diesen Lehrgang mit Auszeichnung absolvierte, seine Kenntnisse in die Praxis umsetzen: auf engen Einbahnstraßen, einsamen Landstraßen und immer wieder auch auf stark frequentierten Autobahnen. Es war wie eine Sucht. Sobald Utz hinter dem Steuer eines Kraftfahrzeuges saß, musste er das Lenkrad herumreißen und gleichzeitig mit ganzer Kraft die Handbremse ziehen. Der Druck ließ erst von ihm ab, wenn sein Auto um 180 Grad gedreht war.

Der Zwang zum Schleudern beherrschte ihn im Laufe der Zeit immer mehr und irgendwann war das unvermittelte Umdrehen der Fahrtrichtung der einzige Kick in seinem tristen Leben, der ihm noch den Ansatz einer Befriedigung verschaffen konnte. Auch zahlreiche Psycho- und Verhaltenstherapien konnten ihm nicht den Weg in die richtige Richtung weisen. Nach dem letzten Therapeutenstammtisch, bei dem alle Psychotherapeuten der Stadt utzgeschädigt – schleudertraumatisiert und mit Halskrausen bekleidet – resigniert beisammensaßen, war klar, dass es niemanden gibt, der Utz von seinem Schicksal befreien konnte.

Seit der letzten von ihm verursachten Massenkarambolage steckt Utz in seiner bislang düstersten Melancholie. Nicht der vielen Verkehrsopfer wegen bläst er Trübsal, sondern einzig und allein, weil ihm das Schleudern fehlt. Nur stark benebelnde Psychopharmaka machen es ihm möglich, das abscheulichste aller Verkehrsmittel zu benutzen: den öffentlichen Linienbus.

Warenwelten #1: Einkauf mit Frau

Ein etwa siebenjähriger Junge begleitet seine Mutter widerwillig in ein Warenhaus. Die Mutter wünscht, in der Wäscheabteilung einen BH zu erwerben, welcher ihre Brüste in möglichst vorteilhafter Form präsentiert. Den Jungen interessiert die Präsentation von Brüsten, zudem noch die seiner Mutter, naturgemäß wenig.

Viele Jahre später, wenn der Stimmbruch überstanden ist, die Barthaare sprießen und auch das Interesse für vorteilhaft präsentierte Brüste zugenommen hat, wird er als Mann an der Seite seiner Holden an den noch immer ungeliebten Ort zurückkehren. Er wird dann in einem unbequemen Sitzmöbel platznehmen und mit seinen dort bereits seit Stunden ausharrenden Leidensgenossen kein Wort wechseln. Dafür wird er alle zwei Minuten abwechselnd einen Blick auf seine Armbanduhr und auf seine sich unendlich oft umkleidende Liebste werfen. Seine Ungeduld wird im gleichen Maße zunehmen wie die durch Einkaufsgenuss hervorgerufene Glückseligkeit seiner Begleiterin. Gleichzeitig wird er sich über den in der Herrenwarteecke aufgestellten Trinkwasserspender ärgern, denn dieser ist entweder leer oder verkeimt. Sollte beides einmal nicht zutreffen, und und sich der Mann bereits auf die Zufuhr eines kühlen Trunks freuen, um der bereits einsetzenden Dehydrierung in der Einkaufswüste entgegenzusteuern, dann werden ganz bestimmt die Einwegbecher fehlen.

In diesem Moment wird ihm dann das erste Mal bewusst werden, dass die einzigen Jahre, in denen ein Mann so richtig frei ist, diejenigen zwischen Grundschulalter und dem Beginn der ersten festen Beziehung sind – die wenigen Jahre im Leben eines Mannes, in denen keine Frau zum Einkauf begleitet werden muss. Aber davon ahnt der kleine Junge jetzt noch nichts.

Das Herz ist ein dunkler Wald – die Wahrheit über das Filmgeschäft

Die ganz großen Karrieren im Showbusiness beginnen immer unspektakulär. Kein Weltstar ist je aus einer Castingshow hervorgegangen, sie wurden alle entdeckt. Auch meine Filmkarriere begann im April 2006 in einer Kneipe. Eine junge Dame setzte sich an meinen Tisch, was bei mir schon mal vorkommt. Sie frug mich, ob ich bei einer Filmproduktion mitwirken wolle, was bei mir in letzter Zeit eher die Ausnahme war. “Nicolette Krebitz führt Regie, Tom Tykwer ist Produzent. Nina Hoss spielt mit, Otto Sander und Monica Bleibtreu ebenfalls. Bist Du dabei?” Ich überlegte kurz, und nachdem mir auch nach angestrengtem Nachdenken die Telefonnummer meines Agenten nicht einfallen wollte, sagte ich kurzerhand zu. Die junge Dame notierte meine Telefonnummer, machte ein unvorteilhaftes Digitalfoto von mir und verschwand. Wenige Stunden später übermittelte man mir bereits telefonisch Drehort und -zeit und forderte mich auf, meinen Sozialversicherungsausweis mitzubringen.

Nina Hoss in
Nina Hoss während der Dreharbeiten

Was am Set, wie wir Leute vom Film zu sagen pflegen, folgte, war das, was man als Tortur bezeichnen würde. “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit”, sagte einst Karl Valentin. Das Drehen von Kinofilmen muss ihm verborgen geblieben sein, sonst hätte er uns mit auf den Weg gegeben, dass Filmkunst nicht nur Arbeit macht, sondern auch reine Qualen bereiten kann. Mein erster und letzter Drehtag brachte mir folgende Erkenntnisse:

  • Im April kann es bitterkalt sein.
  • Die meiste Zeit während eines Filmdrehs entfällt darauf zu warten, dass etwas passiert.
  • Es gibt Menschen, die sich bei auf die Vermittlung von Komparsen und Kleindarstellern spezialisierten Agenturen um eine solche Rolle bewerben. Wählt man sie dann aus, um für den Bruchteil einer Sekunde durch ein Bild zu laufen oder maskiert auf einer Party zu erscheinen, so fahren sie dafür quer durch die Republik. Manche von ihnen sind Hartz-IV-Empfänger und nehmen sogar horrende Fahrtkosten, die ihre Komparsengage leicht um ein Vielfaches übersteigen können, in Kauf, nur, um einmal bei einem Filmdreh dabei sein zu können. Weiterlesen von ‘Das Herz ist ein dunkler Wald – die Wahrheit über das Filmgeschäft’