Monatliches Archiv für März, 2008

Winterfrische auf Rügen – Teil 1

Strandpromenade in Binz auf Rügen

Es ist Ende März. Gemäß den Prophezeiungen des Hundertjährigen Kalenders müssten zu dieser Jahreszeit ein paar Sonnenstrahlen auf der Erde eintreffen, aber es schneit, als wir die Insel erreichen. Madame und ich erleben schon im Alltag genug, also haben wir uns vier Tage Erholungsurlaub im beschaulichen Ostseebad Binz auf Rügen genehmigt.

Die Anreise mit der Bahn verläuft wider Erwarten komplikationslos, und der Weg vom Bahnhof zum Hotel Nymphe erweist sich als kurz. Das ist gut, denn ich habe vergessen, den hoteleigenen Fahrdienst von unserer Ankunftszeit in Kenntnis zu setzen. Vor dem Haus, das für die folgenden Tage unsere Herberge sein soll, steht ein Schild. Darauf steht geschrieben: “Heiter den Alltag abstreifen – mit Lust auf Meer”. Das wollen wir tun, denke ich, wenngleich ich dafür wohl andere Worte gewählt hätte. Später erfahre ich, dass das erst vor wenigen Tagen eröffnete Hotel von einer sogenannten Projektentwicklungsgesellschaft errichtet und schlüsselfertig an die jetztige Betreiberfirma übergeben wurde. Den Slogan hat sich vermutlich der leitende Bauingeniuer, quasi als kreativen Ausgleich zu statischen Berechnungen, erdacht, um sich unsterblich zu machen. Während ich damit beginne, heiter den Alltag abzustreifen, stelle ich fest, dass sich in der Übernachtungsstätte mehr tätige Handwerker als Gäste aufhalten. Erstere haben ihre natürliche Neigung zum morgendlichen Frühbohren, -hämmern und meißeln allerdings erstaunlich gut im Griff, wie sich an den nächsten Tagen herausstellen soll. Vermutlich hat der Ingenieuer auch hierfür einen besänftigenden Spruch im Repertoire, z. B. “Heiter bohren – noch schöner am Nachmittag”.

Unser Zimmer ist geschmackvoll in gedämpften Farbtönen eingerichtet. Die gebuchte Meerseite macht sich allerdings lediglich beim Blick aus einem 40 Zentimeter schmalen Fenster bemerkbar. Das ist nicht so schlecht für ein Haus, das in der zweiten Reihe steht, denke ich, während ich darüber sinniere, ob diese Tatsache auch im Prospekt erwähnt wurde. Meine urlaubsbedingte Grundheiterkeit vermag diese Tatsache allerdings nicht zu trüben: Mein Fenster zur Welt verfügt über eine Diagonale von 24 Zoll und ist ein Apple iMac samt Zugang ins weltweite Netz, der zur Standardausstattung der Zimmer gehört. Manchmal kann es so einfach sein, mich ein bisschen glücklich zu machen. Dass Madame und ich nicht die ersten Gäste in diesem Raume sind, wird mir beim Einschalten des Rechners klar: Das Vorbewohnerpärchen hat uns ein mit der in den Computer integrierten Kamera aufgenommenes Selbstportrait in eindeutiger Pose hinterlassen. Dass der Mann auf dem Bild sein entblößtes Genital in der Hand hatte, brauchte ich der jungen Dame an der Rezeption so detailliert nicht zu schildern. Mein dezenter Hinweis darauf, dass sicher nicht alle Gäste im Umgang mit der modernen Technik vertraut seien und wir “delikates Bildmaterial” vorgefunden hätten, reichte aus, um dem Empfangsfräulein einen Satz rote Ohren zu bescheren. Weiterlesen von ‘Winterfrische auf Rügen – Teil 1′

Weiße Ostern

“Nur im Winter kann ich richtig glücklich sein”, sagte Lothar mit der seiner Stimme innewohnenden Melancholie zu seiner Frau Marion, während sie gemeinsam am Frühstückstisch saßen. In diesem Jahr gab es anstatt der hartgekochten Eier, die Marion so sehr mochte, hartgefrorene Eier. Manfred hatte die Hühnereier zuvor ihrem Brauch entsprechend weiß bemalt und im Garten versteckt. Marion freute sich bei deren Suche wie ein kleines Kind, obwohl es ihr in diesem Jahr nicht gelang, alle Verstecke zu erspähen. “Dies ist das schönste Osterfest seit langem”, bestätigten sie später, während ihres traditionellen Osterspazierganges, einander. Unterdessen hinterließ ihr festes Schuhwerk tiefe Spuren im frischen Schnee.

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Meinen treuen Lesern  und allen zufälligen Besuchern wünsche ich auf diesem Wege ein schönes Restosterfest.

Ein Tag im Leben

Dieser Tag konnte kein guter werden. Bereits die morgentliche Durchsicht des Pressespiegels bestätigte diesen Anfangsverdacht: Eine umstrittene Schweizer Sterbehilfeorganisation unterstützt Schwerkranke mit Hilfe des Luftballongases Helium beim Ausscheiden aus dem Leben. Abgesehen davon, dass der Freitod durch vermutlich qualvolles Ersticken herbeigeführt wird, konterkarieren mit Donald-Duck-Stimme gesprochene letzte Worte den durch diese Maßnahme eigentlich gewollten würdevollen Abgang, dachte ich.

Bei meinem späteren Cafébesuch musste ich feststellen, dass offensichtlich ein Chaosforscher vor mir die Tageszeitung gelesen und mit dieser umfangreiche Testreihen durchgeführt hat. Als es mir gelang, die Seiten des Druckerzeugnisses in eine akzeptable Reihenfolge zu bringen, war mein Kaffee bereits kalt.

Am Abend besuchte ich eine Lesung in einem fensterlosen Raum. Der erste kleine Glücksmoment des Tages trat ein, als der lautstarke monotone Klang der Lüftung unerwartet verstummte. Halb froh über das ausbleibende Hintergrundgeräusch, halb erneut an Dignitas denkend, lauschte ich den wunderbar-skurrilen Auszügen aus David Gieselmanns Poptickerlexikon.

Versöhnlich stimmten mich die frische Abendluft und ein Kuhbonbon in der Jackentasche.

Zu lang für Twitter (aber trotzdem belanglos)*

Ein großer, dicker Mann verharrt stundenlang regungslos auf einem Barhocker. Die von ihm ausgehende Lethargie ist so groß, daß man sich fragen könnte, ob er noch Gast oder schon Möbel ist. Massen sind träge, das wissen wir noch aus dem Physikunterricht. Doch plötzlich holt er gänzlich unvermittelt mit raubtierähnlicher Geschmeidigkeit  einige Münzen  aus seiner Hosentasche und verteilt diese blitzschnell auf dem Tresen. Mit viel zu hoher Stimme, die nicht so recht zu seiner  grobschlächtigen Erscheinung passen mag, presst er die Worte “So, aus die Maus.” aus sich heraus. Während die Bedienung die auf der Theke befindliche Münzsammlung auf Vollständigkeit überprüft, verlässt der Mann wortlos die Schenke.

Als ich eine halbe Stunde später die Kneipe ebenfalls verlasse, steht der Mann mit der Eunuchenstimme noch immer vor der Tür. Obwohl es stürmt und regnet, parliert er gleichmütig, als habe ihm ein unverhofftes Hitzefrei eine Siesta beschert, mit einer ihm offensichtlich bekannten Frau. Im Vorbeigehen höre ich, daß der Mann sagt: “Mein Fahrrad steht vorm Büromarkt Hansen”, um sogleich ohne Aussprache einer geläufigen Grußformel von dannen zu ziehen. Die Frau steht noch einen Moment wie festgewurzelt da und wundert sich; ich hingegen wundere mich nicht mehr. Sollte Sven Regener ein merkwürdiges Abschiedslied schreiben wollen und ihm wider Erwarten kein Text einfallen, werde ich den Kauz mit der Fistelstimme als Texter empfehlen. Fürs Singen wäre dieser indes weniger geeignet.
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* Twitter ist eine genauso zweckfreie wie anziehende Seite im
weltweiten Netz, auf der man seinen virtuellen Freunden in 140
Zeichen über den Stand der Dinge in Kenntnis setzen kann.

Feuchtgebiete trockengelegt

Feuchtgebiet
Foto: Brenda Anderson

Niedere Instinkte trieben mich heute in verschiedene Buchhandlungen. Obwohl das Objekt der Begierde intimste Inneneinsichten verhieß, war es allenthalben eingeschweißt in Plastikfolie zu bewundern. Über das Motiv der vom Handel gewählten Präsentationsform kann an dieser Stelle lediglich gemutmaßt werden. Der Sumpf meiner Phantasie ist vorerst trockengelegt.

Wie Gottschalk zu ertragen ist

Frage:

Quelle: Spiegel Online

Antwort:

Gar nicht.

Wer lädt schon gern einen ehemaligen Grundschullehrer mit explodiertem Lockenkopf und Pumphosen in sein Wohnzimmer ein? Zudem auch noch einen, der nichts anderes tut, als dümmliche Witzchen abzusondern und seine Couchnachbarinnen zu begrabbeln?

Immerhin zehn Millionen Zuschauer fanden sich gestern Abend wieder, die gebannt vor der Mattscheibe auf eine neue Variation der allseits beliebten Baggerwette warteten: mit dem Bagger ein Feuerzeug anmachen, mit dem Bagger eine Bierflasche öffnen, mit dem Bagger eine Frau ausziehen, mit dem Bagger in der Nase bohren …

Neue Baggerwetten braucht das Land, denke ich mir und formuliere in meinem Kopf schon einmal ein paar neue Saalwetten:

  • Wetten, dass Uri Geller es schafft, einen zuvor durch die Kraft seiner Gedanken verbogenen Löffel mit Hilfe eines Bagger wieder zu begradigen und anschließend mit dem an die Schaufel des Baggers angebrachten Löffel aus einer Buchstabensuppe die passenden Buchstaben für den Satz “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” fischt?
  • Wetten, dass Bruce Darnell es schafft, mit einer an die Schaufel eines Baggers angebrachte Tätowiernadel eine Kandidatin seiner Show zu verschönern, indem er ihr die Worte “Drama, Baby” in den Oberarm “der lebendige Handtasche” tätowiert?
  • Wetten, dass Prof. Peter Dunemann, der geschäftsführende Direktor des Hygiene-Instituts des Ruhrgebietes, es schafft, mit einem Bagger Charlotte Roche die Achseln zu rasieren und sie anschließend mit einem Waschlappen zu waschen?

Erst wenn diese Wetten wahr werden, werdet Ihr sehen, dass “Wetten, dass…?” in der deutschen Fernsehlandschaft unersetzlich ist. Spiegel Online findet schon heute alles halb so schlimm, ich indes halte es mehr mit Peter Lustig, der schon früher zum Abschalten riet.

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