Monatliches Archiv für Januar, 2009

Glutamat

 

Der Reis köchelt stundenlang vor sich hin, die Currygerichte sind nicht nur fad gewürzt, sondern auch noch fettig. Die Hauptzutat aller Speisen ist Glutamat.

Das Ladenlokal ist leer, noch. Den Blick ins Innere verhindern provisorisch in die Scheiben geklebte Bilder des Taj Mahals sowie Bilder von der Speisekarte – vermutlich die Nummern 11 und 37 (appetitlich angerichtet, ein Meisterwerk des Fooddesigns) – und noch einmal das Taj Mahal. An der Tür klebt ein Schild, das verrät: “Hier eröffnet demnächst ein indisches Fastfood-Restaurant.”

Zuvor befand sich in diesen Räumlichkeiten die Filiale einer amerikanischen Burgerbräterei. Früher gab es hier Geschmacksverstärker mit Rind, bald gibt es Geschmacksverstärker ohne Rind. Jeder geschlossene McDonald’s ist ein guter McDonald’s, denke ich im Vorübergehen. Bald kommt der Inder: Glutamat, Glutamat, Glutamat – ich liebe es.

Twitterlesung III – und es war gut


Foto: @moeffju

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Twitteratur liegt hinter uns: Schöner als jeder blickt @mspro an dieser Stelle auf den wunderbaren Abend in der Hamburger Botschaft zurück. Ein Mitschnitt in Bild und Ton findet sich ebenfalls im weltweiten Netz, Bilder gibt es auf Flickr.

Mein Dank gilt allen, die zum Gelingen beigetragen haben: Hamburg@work für das freundliche Sponsoring, Niels von der Hamburger Botschaft, der uns trotz Erkältung und Handball im TV den für uns frisch renovierten Raum bestuhlt und uns kühles Bier ausgeschenkt hat, @svensonsan und @jovelstefan für die gewissenhafte Kassenführung sowie letzterem auch für die Bedienung der Videokamera, @moeffju für die super Photos, meinen Kollegen von Twitkrit, allen Gästen – und natürlich allen Twitterern, deren Tweets wir lesen durften.

Wer noch immer nicht genug hat, kann sich hier die Blogberichte zur Lesung ansehen und hier die Tweets über die Lesung. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Warenwelten #6: Mein Freund, der Hund


Kapuzenmann vor Bekleidungsgeschäft, Hamburg-Sternschanze

Dauerwellen, Leggings, Schulterpolster und Lederkrawatten – alle sind zu recht in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgestorben. Dergleichen hätte ich mir auch für übersättigte Farbtöne in pink, violett und türkis gewünscht.

Seitdem eine gewisse amerikanische Bekleidungskette auch hierzulande Fuß gefasst hat, sind auch die Kolorationen meiner Achtziger-Jahre-Alpträume zurück in das Leben gekehrt. Stets, wenn ich an einem dieser Geschäfte vorbeiziehe, wird mir bewusst, dass die von dem Unternehmen gelebten Tugenden Umweltbewusstsein und Sozialverträglichkeit zwar ganz schön, aber eben auch nicht alles sind. Vielmehr irritiert mich regelmäßig, dass die EU-Bürokratie dieses Unternehmen noch nicht zur Anbringung von Schildern, die vor Augenkrebs warnen, verpflichtet hat.

Erst heute dachte ich wieder daran, wie schön es wäre, ein Hund zu sein, war ich doch bis eben dem Trugschluss aufgesessen, dass dieser Säugetierart ausschließlich schwarzweiß zu sehen vermag. Als Hund könnte man einen Besuch bei American Apparel schadlos überstehen. Ein Trugschluss, wie mich soeben ein Blick in eine bekannte Onlineenzyklopädie lehrte: Das Raubtier aus der Überfamilie der Hundeartigen vermag – eine ausreichende Beleuchtung vorausgesetzt – nämlich sehr wohl Farben zu sehen. Das ist zwar in den meisten Fällen gut für das Tier, nicht jedoch, falls Herrchen oder Frauchen eine Vorliebe für vorerwähnte Bekleidungskette pflegen. Lediglich über eine Rot-Grün-Sehschwäche verfügt der Vierbeiner, was ihn vermutlich nicht vollständig vor American Apparel zu schützen vermag.

Ich bin zwar kein ausgesprochener Hundefreund; vielmehr finde ich, dass Hunde in der Stadt nichts verloren haben. Aber sobald ich jemanden entdecke, der seinen Canis lupus familiaris vor einer AA-Filiale anleint, werde ich den Tierschutzverein benachrichtigen – getreu dem Motto: “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”. So kann es eines Tages doch noch kommen, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Der Hund wird zum besten Freund des Menschen, in diesem Falle zu meinem. Solange Dauerwellen, Leggings, Schulterpolster und Lederkrawatten nicht zurückkehren, soll mir dies recht sein.

Leckere Magenmorsellen und Twitterlesung

Kaum verlässt man die gewohnten Pfade, begegnen einem die merkwürdigsten Dinge. Bei meinem gestrigen Besuch in  einer Apotheke, die nicht die A. meines Vertrauens ist, entdeckte ich beim Schweifen meines Blickes unter der Ladentheke “Leckere Magenmorsellen”. Auf den Erwerb derselben habe zwar ich verzichtet, dennoch erfreute mich den ganzen Tag der Gedanke an das Wort “Magenmorsellen”. Ich kann nicht ausschließen, dass allein der Klang des Wortes “Magenmorsellen” eine leicht gesundheitsfördernde Wirkung entfaltet – und wenn sie dazu auch noch “lecker” sind, umso besser.

Mindestens genauso sinnvoll – wenngleich möglicherweise auch nicht ganz so “lecker” – ist die anstehende Twitterlesung: am Donnerstag, den 22. Januar dieses Jahres werden meine Kollegen von Twitkrit und ich erstmalig die Freie und Hansestadt Hamburg mit twitterarischen Kuriositäten beglücken. Details zu dieser Veranstaltung finden sich hier. Kommt alle!

Madeira

Tage vorher wache ich des Nachts immer wieder vom demselben Alptraum schweißgebadet auf: Ich bin ein Pauschaltourist. Um mich herum dicke Leiber, die am Pool ihre Liege mit einem Handtuch markieren und sich kurzbehost und hawaiihemdbekleidet bereits zum Frühstück ölige Würstchen auf ihre Teller stapeln.

Doch bereits nach ein paar Tagen auf dem portugiesischen Eiland haben sich diese Befürchtungen in Luft aufgelöst. Schlimm sind nur die Engländer von Tisch 4, die sich am Frühstücksbuffet massenweise mit selbstgeschmierten Sandwiches für den gesamten Tag eindecken, und die Passagiere der zahlreichen Kreuzfahrtschiffe, die stundenweise über Madeira herfallen, um literweise Galão in sich hineinzukippen.

Abgesehen davon ist es dort ganz großartig. Nicht nur, dass auf der Insel das gesamte Jahr über Frühling ist; die Inselgruppe weiß mit zahlreichen Attraktionen abseits von Madeirawein, Poncha und Degenfisch mit Banane zu locken:

In Sichtweite befindet sich die eine Inselgruppe, die drei Desertas (Wüsteninseln). Aufgrund von Frischwassermangel, Trockenheit und Abgeschiedenheit sind diese freilich unbewohnt.

Die charakteristische Schuhmode hat den unerwünschten Nebeneffekt, dass sich alle Frauen ab etwa ihrem 40. Lebensjahr einer intensiven orthopädischen Behandlung unterziehen müssen, um ihren inseltypischen Schiefgang zu korrigieren. Im besten Falle führt das Ablegen des extrem hochhackigen Schuhwerks zu einer Kompensation der in der Hauptstadt Funchal überwiegend steilen Straßenverläufe. Im Falle eines erfolglosen Behandlungsverlaufs sehen die Frauen ohne ihre geliebten High-Heels  ziemlich schräg aus.

Am meisten zu beneiden ist die Atlantikinsel jedoch wegen ihrer hervorragenden Presselandschaft.

Abwechslungsreich, interessant und gut geschrieben sind hier die Zeitungen. Als Urlauber könnte man glatt neidisch werden; ihm bleibt lediglich der Import eines Presseproduktes, das nicht nur vom Vortag ist, sondern auch fast so viel kostet wie ein Monatsabonnement daheim.

Madeira ist das portugiesische Wort für “Holz” – der Stoff aus dem die Zeitungen sind.

Hätten wir in Deutschland so gute Zeitungen und so begeisterte Leser, gäbe es keine Medienkrise.

Am liebsten würde ich sofort wieder zurück auf die Insel. Meine restlichen Urlaubsphotos finden sich hier.

Warteschlangengeschichten Teil 10: Post und Saturn

Wir schreiben das Jahr 2009, eigentlich ist zum Thema Warteschlangen alles gesagt. Nicht trotz, sondern wegen der Privatisierung geht in Deutschen Postfilialen nach wie vor alles gemächlich seinen Gang. Seelenruhig wird gearbeitet, hin und wieder sogar noch gestempelt. Fast könnte man meinen, alle wollen ihre Weihnachtsgeschenke wieder an den Absender zurückschicken, so groß ist der postfeiertägliche Andrang.

Ich beginne das Geschäftsjahr mit der Erkenntnis, dass es weitaus angenehmer ist, ein Einschreiben zu versenden, als eines zu erhalten. Letzteres nicht nur mit Blick darauf, dass man beim Aufgeben dieser Art von Briefsendung frisch gebadet, vollständig bekleidet und halbwegs ausgeschlafen vor dem Schalterbeamten steht, während mich der für meinen Zustellbezirk zuständige Postbote mittlerweile besser als jeder andere Mensch ungeduscht und im Bademantel kennt. Es ist – unabhängig von Kleidung und Körperpflegestatus – trotz der end- und würdelos erscheinenden Warterei in Postfilialen ganz einfach erhabener, ein Einschreiben zu verschicken, als den Empfang eines solchen zu quittieren.

Mein nächster Gang führt mich in die Innenstadtfiliale eines großen Elektromarktes. Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu sehen, dass in Zeiten der Krise, gar des drohenden vollständigen weltwirtschaftlichen Zusammenbruchs eingkauft wird, als gäbe es kein Morgen. Sogar zusätzliche Arbeitskräfte wurden eingestellt: um die Kundenmassen zu bewältigen packen junge, hochmotivierte Mitarbeiter die soeben gekauften Waren behende in Plastiktüten und verabschieden die Käufer freundlich. Für diese Tätigkeit hat die Geschäftsleitung eine neue Abteilung gegründet: “Service” steht auf den Uniformen der neuen Leistungsträger, das ist neu, nicht nur die Aufschrift. Die alten Mitarbeiter hatten lediglich Schilder, auf denen “Nicht meine Abteilung” geschrieben stand.

Bei so viel Kreativität bei der Schaffung neuer Arbeitsverhältnisse ist mir nicht bange um unser Land. Und wenn mein Einschreiben erst seinen Zweck erfüllt hat, kann ich auch wieder den Service in Anspruch nehmen, um die neu geschaffenen Positionen nachhaltig zu sichern.

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Hier gibt es weitere Warteschlangengeschichten.