Monatliches Archiv für November, 2009
Hier sehen zwar alle besser aus als ich, aber dafür rieche ich besser. Die Damen tragen zumeist adrette Kleidchen, die Herren Hosenträger und Schiebermützen. Viele haben ein kleines Handtuch dabei, aber alle schwitzen. Manche Damen benutzen einen Fächer, um gegen den in der Luft liegenden Zigarettenrauch anzufächern. Die Band spielt Jazz aus der Ära vor Charlie Parker: keine rasanten Akkordfolgen, keine komplexen Skalen, eher einfache Improvisationen tänzeln um die Melodie herum; bodenständiger Swing, bekannte Standards. Zwischendurch gibt es Beschallung aus der Konserve; kein Schellack, sondern von der CD. Man scheint in dieser Hinsicht nicht allzu dogmatisch zu sein. Das ist mir sympathisch und klingt sicher auch weniger verstaubt.
Man tanzt Lindy Hop und lässt das einfach aussehen, so auch meine Begleitung. Vermutlich haben aber alle Tänzer jahrelang Wassermelonen getragen und Hebefiguren im Wasser geübt, um irgendwann den letzten Tanz der Saison tanzen zu können. Ich halte mich an einer Flasche Großbrauereipremiumpils fest und möchte nicht angesprochen werden; vor allem möchte ich nicht zum Tanz aufgefordert werden. Ersteres gelingt ganz gut, Letzteres nicht immer. „Ich tanze nur auf Gräbern“, antworte ich stets, wenn man mich ersucht, eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen. Standard- und Latein-Tanzkurse in meiner Jugend haben mich nachhaltig traumatisiert und zum Eckensteher gemacht. Ich denke an eine Jacques-Brel-Adaption von Klaus Hoffmann: „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz,/Will, dass man sich wie toll vergnügt./Ich will Gesang, will Spiel und Tanz,/Wenn man mich unter‘n Rasen pflügt“, heißt es dort wunderbar. Vielleicht würde ich ausnahmsweise auch auf einer Scheidungsparty tanzen. Sonst nie.
Mit meiner Antwort habe in der Lindy-Hop-Szene möglicherweise an nur einem einzigen Abend einen ähnlich zweifelhaften Ruf erworben wie der psychopathisch ausschauende Tänzer mit dem Pferdeschwanz, den alle nur nach einem Sturmgewehr russischer Bauart benennen. „In einer Hand ein Bündel mit deinem ganzen Hab und Gut, in der anderen die Waffe — man muss jederzeit in der Lage sein können, zu fliehen und sich gegen den Feind zu wehren“, erzählt er gelegentlich seinen Tanzpartnerinnen. Welchen Feind er meint, lässt er dabei stets offen. Obwohl er den Mensch an sich grundsätzlich ablehnt, soll er ein passabler Tänzer sein, erzählt man sich.
Ein letztes Mal in dieser Nacht spricht mich ein Mädchen aus einer fabelhaften Welt an, mit der ich vor kurzem schon einmal gesprochen hatte, woran ich mich jedoch nicht mehr erinnern konnte. Das bedaure ich und auch ein wenig, des amerikanischen Gesellschaftstanzes der endenden 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht mächtig zu sein. Mit ihr hätte ich vielleicht doch gern getanzt, obwohl in diesem Club, in den man sonst eigentlich nicht geht, gerade kein Grab geschaufelt war, auf dem ich hätte tanzen können. „It don‘t mean a thing, if it ain‘t got that swing.“
Auf der Herrentoilette hat jemand seine Krawatte vergessen. Ein billiges schwarzes Modell einer schwedischen Bekleidungskette. Vielleicht wurde der Binder auch einfach nur ausgesetzt. Gänzlich unerwartet, um 3 Uhr: das Licht geht an, die Musik geht aus. Der Saal wird geräumt. Am Folgetag beginnen zur frühen Stunde die Lindy-Hop-Kurse für die aus der ganzen Welt zu diesem Zweck angereisten Tänzer. Tanzen ist eben doch kein Vergnügen, sondern im Grunde genommen nichts als harte Arbeit. Und diese wird in der Szene offenbar ernster genommen als ausgelassen durchtanzte Nächte oder originalgetreue Tonträger.
Meine Begleitung und ich ziehen weiter: Saal II; seit vielen Jahren die Kneipe meines Vertrauens. Wir führen tiefgründige Gespräche und sitzen am Tresen: Die Liebe und das Leben und so. Obwohl ich beide Hände frei habe und gerade kein Feind in Sicht ist, bin ich vermutlich eher auf einer Linie mit Kalaschnikow. Mein Gegenüber ist etwas lebensbejahender. Es gibt Astra aus der Flasche und gesalzene Erdnüsse und Astra aus der Flasche und gesalzene Erdnüsse und Astra aus der Flasche. Nebenan fällt jemand, nach dem in der Speisekarte ein Frühstück benannt ist, fast vom Barhocker. Bei ihm gehen die Lichter aus, im Saal II gehen sie an.
6 Uhr, das Schanzenviertel ist fast menschenleer zu dieser Zeit. Mit Hamburg ist auch nicht mehr viel los, denke ich, und wir gehen ein paar Schritte weiter ins BP1. Die kleine Bar ist noch recht gut besucht und aus den Lautsprechern schallt die „Bohemian Rhapsody“; nicht die gerade im auf einem bekannten Videoportal zu großem Ruhm gelangte Version der Muppets, sondern das Original von Queen. Ein sehr unangenehm aufdringlicher Typ veranlasst mich, meine Begleitung abzuschirmen, und die Musik wird noch komischer. Den Gangsterrap erkennen wir nur unter Zuhilfenahme eines Musikerkennungsprogramms auf meinem Mobiltelefon, und Faith No Mores „Easy“ macht es uns auch nicht leichter, diese Bar zu lieben. Die fast zahnlose Barfrau mit dem tiefen Ausschnitt fordert zur letzten Bestellung auf und wir ziehen weiter in Richtung St. Pauli.
Es regnet ein wenig, was ich begrüße, denn so kann ich wenigstens etwas zeigen, das dem Ruf dieser Stadt gerecht wird. Unterwegs streifen wir den Grünen Jäger, der längst geschlossen hat, und auch auf dem Hamburger Berg ist weitestgehend Ruhe eingekehrt; komasaufende Jünglinge und bereits mehrfach vom Gelenkbus überfahrene Spelunkenstammgäste liegen längst in ihren Betten. Als wir auch in der Hasenschaukel und vor dem Golden Pudel Club vor verschlossenen Türen stehen, schäme ich mich ein bißchen für meine Stadt, obwohl es noch immer ganz schön vor sich hin nieselt. Nichts geht mehr.
Was jetzt noch bleibt, sind ein Krabbenbrötchen auf dem Fischmarkt, ein Blick auf „Aal-Kai“ und „Aale Dieter“, Fleisch-, Obst-, Gemüse-, Blumen und Klamottenstände sowie ein schlechter Kaffee zu Touristenpreisen in der Alten Fischauktionshalle. Meine aus Köln stammende Begleitung erfreut sich an der dort aufspielenden Cover-Band, der es gelingt, in frühen Morgenstunden dem hohen Norden eine karnevalesque Stimmung einzuhauchen. Ich fühle mich hier noch fremder als auf der Swing-Party. Sicher sind das hier alles rheinländische Touristen, denke ich; freue mich jedoch, dass meine Begleitung sich freut. Es ist bereits taghell, jedenfalls so hell, wie es nur an einem Tag Ende November sein kann, und ein paar Vögel, die es versäumt haben, gen Süden zu ziehen, zwitschern müde vor sich hin.
„Landungsbrücken rein“ in die U-Bahn, ein letzter Blick auf den Hafen und dann verabschiedet sich meine Begleitung. Auf dem Heimweg liegt mein Lieblingscafé, das bereits geöffnet ist. „Kaffee oder lieber noch ein Bier“, werde ich gefragt, nachdem man meine sofort Situation erkannt hat, weil man hier weiß, dass sonntagsmorgens um 9 Uhr nicht meine bevorzugte Frühstückszeit ist.
Freitagnachmittag, die HafenCity ist so gut wie leer. Nicht einmal die obligatorischen Touristenmassen schieben sich heute an den Stahl- und Glaskonstruktionen dieses künstlichen Stadtteils, der wirkt wie sein eigenes Modell im Maßstab 1:1, entlang. Drei nicht zu übersehende Flaggen kündigen eine Ausstellung in einem noch nicht bezogenen Bürogebäude an. Während sich im Gängeviertel, das sich nur wenige hundert Luftlinienmeter entfernt befindet, die Künstler ihren Raum gesucht haben, wird er hier vom Immobilieninvestor bereitgestellt. Doch niemand scheint sich — im Gegensatz zum besetzten Gängeviertel — dafür zu interessieren; wir sind die einzigen Besucher.
“Let’s go home” lautet der Titel der Gruppenausstellung, die noch bis zum 6. Dezember zu sehen sein wird: Ein von Neonröhren beleuchteter Kahn, ein paar Koffer voller Puppen, Fotografien privilegierter russischer Kinder, ein “Seifenprojekt”, ein Haufen überdimensionierter Streichhölzer, eine matte Discokugel. Das alles und einiges mehr auf einer Fläche von über 800 qm, kuratiert von Charlotte Friling. Bei einer ersten Sichtung der Werksammlung erscheint die thematische Klammer “Zuhause” keinesfalls offensichtlich; nach einem Blick in den Katalog und ein paar erläuternden Worten ist man etwas klüger.
Ein Besuch schadet nicht, der Eintritt ist kostenlos — und in der HafenCity gibt es ansonsten ohnehin nicht viel Sehenswertes. Dass ausgerechnet an diesem tristen Ort eine Ausstellung mit dem Titel “Let’s go home” zu sehen ist, erscheint da nur konsequent.
Frau Riemann und Frau Berg sitzen gemeinsam auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Dieses ist zwar gut besucht, aber nicht ausverkauft. Pech für alle, die nicht dort waren. Die Damen haben nämlich sehr schön gelesen, was Frau Berg zuvor sehr schön geschrieben hat. Vor allem ihren neuen Roman “Der Mann schläft”, aber auch Gedichte.
Frau Riemann trinkt Wasser aus dem Glas und Hustensaft aus der Flasche. Letzterer scheint sie aufzuheitern; zumindest hilft er gegen Husten. Frau Berg trinkt nur Wasser und bringt uns bei, dass Husten ausschließlich Willenssache sei. Außerdem erfahren wir, dass sie einst einen Happy-End-Kurs besucht hat. So lässt sich das schriftstellerische Leben ganz einfach in eine Zeit davor und eine Zeit danach einteilen. Trotzdem endet es meistens böse.
Anschließend ist in der Kantine ein Tisch reserviert (“der einzige mit Tischdecke”). Wir dürfen daran Platz nehmen und Bier aus der Flasche trinken. Frau Riemann verzichtet, obwohl die Tischdecke wirklich sehr weiß ist, und es sicher auch Wein gegeben hätte. Frau Berg hingegen trinkt mit uns und leistet praktische Lebenshilfe. Von einem Umzug nach Island, der sexuellen Zuwendung zum männlichen Geschlecht sowie von einer Umschulung zum Bildhauer sehe ich dennoch bis auf weiteres ab.
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Weiterführende Links:
- Frau Berg fährt Bötchen mit Dennis Scheck
- Frau Berg zwitschert unter @sibylleberg
Einige Jahre waren sie jetzt schon ein Paar; scheinbar glücklich. Irgendwann ging er Zigarettenholen und kam nicht mehr zurück. Wie in einem schlechten Film. Dabei war er eigentlich Nichtraucher — das glaubte sie zumindest.
Im vornehmen Hamburger Stadtteil Eppendorf heißt das Gesundheitsamt nicht “Gesundheitsamt”, sondern “Gesundheitshaus”. Dass es sich jedoch eindeutig um ein Amt handelt, wird bereits beim Betreten des Gebäudes klar. In deutlichen Worten wird man aufgefordert, ein Formular auszufüllen und sich mit diesem in den 4. Stock zu begeben.
Nach ein paar Tagen der effektiven Panikmache vor der großen Schweinegrippe-Pandemie durch die lokale Presse, haben sich zahlreiche Angehörige der bekannten Risikogruppen eingefunden, um sich den aus Bruchteilen von Virenhüllen von in bebrüteten Hühnereiern gezüchteten Viren (Teilpartikelimpfstoff) hergestellten Wirkstoff mit Wirkverstärker in den Oberarm injizieren zu lassen.
Rollatoren versperren die schmalen Gänge und in der Warteschlange herrscht Zweiklassenmedizin: ein Teil der Wartenden darf auf harten Stühlen sitzen, der später dazugekommene Teil muss stehen. Anfangs steht man noch vor dem Zimmer mit der Aufschrift “Beratungszentrum sehen-hören-bewegen-sprechen Abschnitt Sprechen”. Wohl dem, der seinen Rollator zum Notsitz umfunktionieren kann. Alle paar Minuten wird panikartig aufgerückt, was ein wenig an das Kinderspiel “Reise nach Jerusalem” erinnert. Irgendwann hat man sich über den “Abschnitt Bewegen” bis zu einem der drei Impfzimmer vorgewartet.
In der Warteschlange erzählt man sich lustige Impfgeschichten aus den 70er Jahren, als man noch im Rahmen einer großangelegten Impfaktion in der Sporthalle geimpft wurde, und natürlich fällt auch das unvermeidliche “die einen Ärzte sagen so, die anderen so” darf nicht fehlen. Ein gnatternder Rentner kommt herein, der beim Anblick der langen Warteschlange fragt, ob wir in der Ukraine seien. Ich verneine und der Rentner zieht ohne H1N1-Schutz von dannen. Das ist nicht weiter schlimm, denn der Impfstoff ist ein knappes Gut.
“Der Nächste, bitte.” Nach gut einer halben Stunde Wartezeit bin ich an der Reihe. Die Amtsärztin ist unfreundlich und moniert in harschem Ton bei ihren Helferinnen nichtaufgezogene Spritzen und ungestempelte Impfpässe. Ob sie denn alles alleine machen müsse. Ich habe ein bißchen Mitleid mit ihr; einen so großen Ansturm auf ihre Dienste ist sie wahrscheinlich nicht gewohnt. Möglicherweise ist sie aber auch nur frustriert, weil die Bewerbung auf ihre Traumstelle im Justizvollzug oder auf dem Kreiswehrersatzamt keinen Erfolg hatte. Ein kurzer Pieks und alles ist vorbei. Jetzt beginnt das Warten auf die befürchteten Nebenwirkungen. Zum Glück ganz ohne Schlangestehen und -sitzen.
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Nachtrag: Da das Interesse groß zu sein scheint, hier ein paar Worte zu den bei mir aufgetretenen Nebenwirkungen.
10 Stunden nach der Impfung: leichter Schmerz an der Einstichstelle (etwa muskelkaterähnlich), leichte Kopfschmerzen, etwas Schüttelfrost; insgesamt nichts Besorgniserregendes.
20 Stunden danach: Schmerzen um die Einstichstelle herum und beim Heben des Arms. Alles erträglich.
36 Stunden danach: Nur noch leichte Schmerzen im Arm, klingen ab. Das war’s wohl.
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Die Impfgeschichten der anderen:
- Matthias Wagner von der Rückseite der Reeperbahn: “Wie ich mich mal gegen Schweinegrippe habe impfen lassen”
- Quiddje-Hamburg: “Schweine Grippe Impfung Hamburg!”
- Florian Freistetter von scienceblogs.de: “Ich habe mich gerade gegen Schweinegrippe impfen lassen”
- erdgeschossrechts.de: “Schweinegrippe”
- ahoipolloi: “Zu C2H50H mutierte Keinegrippe”
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Hier gibt es weitere Warteschlangengeschichten
25 km/h, außen ein Ofenrohr mit Abdeckklappe und oben ein Runddach. Dient als Umkleidekabine, Aufenthalts- und Sozialraum oder Werkzeuglager. Oft gar nicht mal so grau. Meistens stehend inmitten von Staub, Lärm und Verkehrsbehinderungen (und nicht anders könnend); seltener: alternatives Wohnkonzept.
Ich weiß nicht warum, aber ich mag Bauwagen. Meine Sammlung findet sich hier.











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