Archiv für die 'Feuilleton' Kategorie

Wohne Orte #7

Schwall und Scham

“Talking about music is like dancing about architecture.”
(Frank Zappa)

Früher gab es den Künstler und sein Werk. Das Werk trat gleichberechtigt neben die Person des Künstlers. Heute tritt ungebeten das Geschreibsel des Feuilletonisten hinzu. Hat man bei Film- und Buchkritiken nicht selten noch den Hauch einer Ahnung, worum es in dem rezensierten Werk ansatzweise gehen könnte, so scheint dies für Musikkritiker zunehmend irrelevant zu sein. Die Kritik ist kein Dienst am Rezipienten, sondern sich selbst oftmals genug.

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album “Schall und Wahn”. Seit Tagen überbieten sich Magazine und Tagespresse gegenseitig mit ihrem Geschwurbel. Selbst Leser der Boulevardpresse wissen nach Tagen der vergeisteswissenschaftlichen PR-Berieselung, dass William Faulkner den Titel bei Shakespeare entliehen hat. Eine Ahnung, was einen nach dem Aufsetzen des Tonarms (von mir aus auch nach dem Einlegen der Silberscheibe) erwarten könnte, bekommt man nach der Lektüre freilich nicht geliefert. Vielmehr wächst der Zweilfel, ob die schreibenden Musikkritiker die besprochene Platte überhaupt gehört haben; gar ob dies für ihre Besprechung überhaupt noch wichtig ist.

Die Rezension tritt gleichbereichtigt als eigenständiges Werk neben das Opus des Künstlers. Ich will das alles nicht mehr lesen, sondern nur noch die Musik hören. Musikkritiker, ihr seid Schweine. Musikkritiker, ich verachte euch zutiefst.

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Wohne Orte #6

Sonntagsspaziergang

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Kicker

Dort, wo sich sonst die zum Kauf angebotene Kommode befand, die einst Brigitte Bardot gehört haben soll, steht plötzlich ein Kickertisch. Hamburger Berg goes Winterhude. Aber natürlich steht im Keller des Cafés nicht irgendein Kicker, sondern ein besonderer: die Spielrichtung verläuft entgegen allen Gepflogenheiten von links nach rechts. Zunächst stiftet dies Verwirrung, ist aber bei nährer Betrachtung wohlüberlegt.

Das Kneipensportgerät ist elementarer Bestandteil der Weihnachtsfeierlichkeiten, zu denen Personal, Stammgäste und Möbel geladen sind. Der ungewohnte Seitentausch ist nicht etwa — wie man zunächst meinen könnte — das Ergebnis einer fehlerhaften Montage, sondern dient dem Training der Koordination von rechter und linker Gehirnhälfte. Dadurch soll kompensiert werden, dass der weihnachtsfeierbedingt in größeren Mengen ausgeschenkte Alkohol den Besuchern der Festivität übermäßig zu Kopfe steigt. Das funktioniert so gut, dass Personal, Stammgäste und Möbel bereits bedauren, dass es sich bei dem Tischfußballtisch lediglich um ein Leihgerät handelt. Obwohl sämtliche Flaschen erfolgreich geleert wurden, gibt es am Tag danach keinen Grund, einander wieder das “Sie” anzubieten.

Pinguin

Am Südpol ist es mittlerweile so warm, dass es für George, den Pinguin, keinen Unterschied macht, ob er dort auf einer schmilzenden Eisscholle sitzt, oder sich in Hamburg befindet. Da können die Politiker in Kopenhagen noch so viel über den Klimaschutz diskutieren.

Der Pinguin aus Plüsch ist schon etwas ramponiert und sein Besitzer hat ihn einfach auf einer unwirtlichen Parkbank in der Nähe einer Bahntrasse ausgesetzt. Das ist schlimm für George, aber was hätte er dagegen tun sollen? Die Parkbank ist jetzt seine Eisscholle. Heimat kann überall sein.

Soundtrack meines Lebens: My Funny Valentine


YouTube Direktfunnyvalentine

In der CD-Abteilung einer großen Elektromarktkette; die bestsortierte Jazzabteilung der Stadt: Eine noch recht jugendlich wirkende Mutter hält das Cover des 1959 erschienenen Albums “Chet” in der Hand. “Einmal diese Lippen küssen”, sagt sie halb träumend zu ihrer schon recht erwachsen wirkenden Tochter. Ich habe ein späteres Bild des großen Trompeters vor Augen: das eines vom Leben gezeichneten alten Mannes; keine Zähne im Mund und tiefe Falten im Gesicht, seine Bewegungen sind langsam und er ist vom Heroin gezeichnet. Ich lasse allerdings Mutter und Tochter in ihren Illusionen, denn wer küsst schon gern einen zahnlosen Junkie?

1959 allerdings sah Chet Baker tatsächlich noch aus wie ein James Dean mit Trompete. Niemand anders hat dieses Instrument so gefühlvoll gespielt, so lässig. Er war wahrlich kein Sänger und dennoch hat seine Art zu singen den Jazz geprägt. Er war kein großer Komponist, aber ein beeindruckender Interpret. Und sicher hat seinem Aufstieg nicht geschadet, dass er so fotogen war wie kein ein anderer Jazzmusiker.

Ein paar Jahre später schon begann Chet Bakers rasanter Fall: bei einer Schlägerei verlor er seine Zähne, der Drogenkonsum hinterließ seine Spuren. Dennoch war er musikalisch bis kurz vor seinem Tod zu musikalischen Glanzleistungen fähig — auch wenn er manchmal etwas fahrig wirkte, Einsätze verpasste oder Texte vergaß. In seinen letzten Jahren entstanden beeindruckende Aufnahmen wie “Live in Tokyo” (1987), aus der obigen Version von “My Funny Valentine” stammt; aber auch die Zusammenarbeit mit dem belglischen Gitarristen Philip Catherine oder die nur zwei Wochen vor seinem Tod enstandenen Konzertmitschnitte gemeinsam mit der NDR-Bigband verdienen Erwähnung. Am 13. Mai 1988 fiel er unter ungeklärten Umständen aus einem Amsterdamer Hotelfenster und war sofort tot. Bruce Webers wunderbare Filmbiografie “Let’s Get Lost” (1988) zeigt einfühlsam alle Höhen und Tiefen aus Chet Bakers bewegtem Leben. Ein tragischer Held — für immer unvergessen.

Chet Baker höre in glücklichen Momenten; Chet Baker höre ich in traurigen Momenten. Chet Baker kann man in jeder Lebenslage hören. Sogar eine Weihnachtsplatte gibt es von ihm, die einen vergessen lässt, dass “Last Christmas” je komponiert wurde.

Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu finden sich hier.

Wohne Orte #5

d

Phallussymbol oder einfach nur ein “d”? Was sich der Architekt bei der Planung dieses Schornsteins gedacht hat, werden wir wohl nie erfahren. Und eigentlich ist es auch egal.

Sorgenpüppchen

Normalerweise bin ich eher geschüttelt, wenn ich meinen Briefkasten öffne. Heute jedoch erreichte mich ausnahmsweise einmal weder Post vom Finanzamt, dem Zahnarzt oder der GEZ. Als ich heute einen handbeschrifteten Umschlag öffnete, war ich überaus gerührt, denn in diesem erreichte mich ein Sorgenpüppchen.

Ein Maya-Indianer soll es im fernen Guatemala handwerklich aus Stoff und Draht speziell für mich gefertigt haben. Ganz sicher ist aber, dass Kosmar mir das Püppchen freundlicherweise geschickt hat. Dafür danke ich beiden auf diesem Wege ganz herzlich.

Der Legende nach soll man dem Sorgenpüppchen all seine Sorgen erzählen und es danach unter seinem Kopfkissen deponieren. Erwacht man am folgenden Morgen aus dem Schlaf, so hat die knapp 3 cm kleine Puppe im Idealfall zwischenzeitlich allen Kummer davongetragen.

Ich hoffe, dies funktioniert bei mir ebenso gut wie bei Hauptkommissar Stoever (Manfred Krug) in der Tatortfolge “Lockvögel” aus dem Jahre 1996. Alle Mitarbeiter des Kommissariats wurden mit Sorgenpüppchen ausgestattet und die Tat wurde selbstverständlich aufgeklärt. Ich wünsche dem Püppchen auch in meinem Falle viel Erfolg. Es gibt viel zu tun.

Soundtrack meines Lebens: Bright Size Life


YouTube Direktbrightsizelife

Ich bin 14 Jahre alt und leihe in der öffentlichen Bücherei meiner heimatlichen Kleinstadt “Bright Size Life” aus. Dies ist meine erste bewusste Berührung mit dem Jazz. Ich bin beim Hören erstaunt, verwundert und befremdet — und bringe den Tonträger eine Woche später in die Bibliothek meines Vertrauens zurück. Jazz spielt danach für mich einige Jahre keine große Rolle mehr. Irgendwann entdecke ich das Frühwerk des Gitarristen Pat Metheny und seiner grandiosen Mitstreiter Jaco Pastorius (Bass) und Bob Moses (Schlagzeug) wieder und weiß es sofort zu schätzen.

Sechs Jahre später, 1996: Ich sitze mit H. im alten VW Passat Kombi ihrer Eltern und wir fahren durch die Großstadtnacht. Aus den Lautsprechern schallt Pat Metheny, als wir plötzlich eine Taube anfahren. H. hat ein großes Herz — für Tiere noch mehr als für mich. Deshalb suchen wir mit dem verletzten Vogel die Notaufnahme des Tierschutzvereins auf. Die Taube wird gerettet.

“Bright Size Life” empfinde ich heute eher als melodiös und ruhig; dennoch ist die Platte weit entfernt davon, im Plattenladen unter “Fahrstuhljazz” einsortiert zu werden. Immer wieder beeindruckt mich Jaco Pastorius fretless Bassspiel; so einfühlsam hat man ihn in seinen wilderen Punk-Jazz-Jahren nach dieser Aufnahme Ende 1975 nur noch selten gehört.

H. habe ich längst aus den Augen verloren — aber häufig, wenn ich Pat Metheny höre, erinnere ich mich an sie und denke an angefahrene Vögel Tauben auf dem Dach.


Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu finden sich hier.

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Kleiner Knigge für Offene-Kaffee-Klubs

Der Bildung von Netzwerken dienende Zusammentreffen von Menschen aus Branchen, die früher der sogenannten New Economy zugerechnet wurden, werden mir zunehmend ein Graus. Stellte man sich früher einander noch mit Namen vor, tauschte gar manchmal Visitenkarten aus, so reicht heute vielfach offenbar die Frage “Was machst du?” als Gesprächseröffnung.

Bevorzugter Treffpunkt ist einmal monatlich die Filiale einer amerikanischen Kaffeekette. Noch bevor man früh am Morgen überhaupt mit jemandem ein Wort gewechselt hat, und bevor man seinen Kaffee in der Hand hält, tritt jemand an einen heran und fragt: “Was machst du?”

Fast könnte man meinen, die Mehrzahl der Anwesenden beschäftigte sich professionell mit Prozessoptimierung. Auch ich bin kein Freund des ausufernden Kleingesprächs, weiß aber ein “Hallo, ich bin der (und der) und mache das (und das). Was machst du denn so?”, durchaus zu schätzen. Diese scheinbar ausufernde Floskel verhindert nicht nur das Rotieren des Freiherrn Knigge in seiner Grabkammer, sondern bringt auch gleich etwas wohlige zwischenmenschliche Wärme in das gerade beginnende Gespräch. Selbst nach dieser Einleitung sollte es jedem möglich sein, zügig zu erkennen, ob das Gegenüber interessant ist, und bei Bedarf den Gesprächspartner — selbstredend mit Verabschiedung — zu wechseln. Alle werden einander so gut in Erinnerung behalten.

Wenn mich das nächste Mal jemand mit den Worten “Was machst Du?” begrüßt werde, antworte ich einfach wieder: “Guten Tag, ich heiße @bosch [bitte an dieser Stelle Vor- und Zunamen einsetzen; Anm. d. Red.] und warte gerade auf meinen Kaffee.”