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Kartoffelpuffer

Kartoffelpuffer

So ein Besuch bei den Eltern kann anstrengend sein, ist aber irgendwie auch ganz schön. Trotz meines fortgeschrittenen Alters werde ich noch immer verwöhnt, wenn ich die heimische Provinz besuche:

Kuchen, Eis, Kartoffelpuffer. Anderthalb Tage Intensivmast, in denen der Kalorienbedarf der ganzen Woche gedeckt wird. Das ist zwar ernährungsphysiologisch nicht vernünftig, schmeckt aber dafür ganz wunderbar. Ab morgen gibt’s Diät.

Wohne Orte #8

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Ist das Kunst oder kann das weg?

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Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage kann bei einem Besuch des Gängeviertels schon mal aufkommen. Früher wurde es von der Stadt nicht gewollt, dann von Künstlern besetzt, diese irgendwan geduldet — und jetzt erbeitet man ein “Nutzungskonzept”. Ein großer Erfolg für die, die ein “Recht auf Stadt” forderten.

Aber was sollen hier die gestapelten Fahrräder im Hinterhof? Sind sie eine Installation, effizient gelagerte Transportmittel oder einfach nur Sperrmüll? Ich weiß es nicht, fühle mich aber daran erinnert, meinen Drahtesel wieder aus dem Keller zu holen. Der Frühling (oder was man dafür hält) kann beginnen.

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Weitere Impressionen aus dem Gängeviertel gibt es hier.

Fotoautomat

Ich habe mir den Hals gewaschen. Das Foto kam mit diesen Flecken aus dem Automaten.

Manche Menschen gehen nicht gern allein in Cafés, Kinos oder auf Konzerte. Ich schon. Indes gehe ich nur ungern allein in Fotoautomaten.

Was vom Winter übrig bleibt

Eisig und weiß liegt die Flur,
es wird Nacht und es schweigt die Natur,
ein Anblick so vertraut,
noch einmal und es taut
der Schnee

(Blumfeld)

Hamburg: 4 Grad. Zehn Tage war ich nicht in der Stadt. Es ist nun wahrlich nicht so, dass plötzlich der Frühling ausgebrochen wäre, aber es taut doch merklich. Noch immer muss man Obacht geben, nicht auszurutschen. Wer jetzt hinfällt, wird unangenehm nass — da ist ein blauer Fleck noch das kleinere Übel.

In Berlin habe ich unter der Dusche immer Radio gehört. Radio höre ich sonst nie. Man hört dort Musik, die man gar nicht hören will, und erfährt dort Dinge, die man gar nicht wissen will. Vorgestern habe ich erfahren, dass jemand das Gewicht des in der Hauptstadt liegenden Schnees in Elefanten umgerechnet hat — um sich das besser vorstellen zu können: vier Milliarden Elefanten (vielleicht waren es auch nur vier Millionen). Eine tolle Einheit ist das, jetzt kann ich mir alles viel gleich viel besser vorstellen und frage mich, warum die Schneemenge nicht in Fußballfelder umgerechnet wurde. Wo doch sonst immer alles in Fußballfelder umgerechnet wird. Aber auch in Berlin wird der Schnee irgendwann schmelzen und ich bin gespannt, in welche Einheit man dann die dabei freigesetzte Menge an Flüssigkeit umrechnen wird. Milchseen oder Champagner-Doppel-Magnum-Flaschen wären eine probate Maßeinheit. Fußballfelder sind doch zu zweidimensional; schade eigentlich.

In Hamburg höre ich kein Radio unter der Dusche. Hier hat sich nichts verändert. Das Sofa im Café steht noch immer im Keller. Der Schnee schmilzt.

Winter und so

Glätte, auf Straßen und Trottoirs, überall glattes Eis: Das Gleichgewicht halten, ausrutschen, taumeln, sich schließlich doch noch ganz knapp, gerade so irgendwie auf den Beinen halten. Hundermal geht es gut, jedenfalls wenn man nicht seine Hände — sei es aus Lässigkeit oder Schutz vor der Kälte — in den Jackentaschen vergräbt. Man muss schon ein bißchen mit den Armen rudern können und dabei naturgemäß albern aussehen, um sich auf den Beinen halten. Das ist der Preis, den man zu zahlen bereit sein muss. Beim hundertersten Mal fällt man schließlich doch. Manchmal bricht man sich die Knochen, meistens aber nicht. Zwei Monate geht das nun schon so — und während wir uns anfangs noch gefragt haben, wo die vielbeschworene Klimaerwärmung bleibt, wenn man sie braucht, werden wir uns schon bald an die Ewigwinterigkeit gewöhnt haben.

All das Adrenalin, das dabei unsere Körper durchflossen hat. So etwas erbleben wir sonst in einer Dekade nicht. Das Herz rast und wir sind plötzlich ganz wach, obwohl wir uns noch Minuten zuvor beklagten, wie müde uns die ganztätige Dunkelheit zu machen pflegt. Falls dieser Winter eines Tages dann doch vorbei sein sollte, werden wir alle Bungeejumper, Cliffdiver oder Houserunner, weil wir einfach süchtig geworden sind nach dem Adrenalinkick und ihn immer und immer wieder erleben wollen …

Silvester 2009

Dieses Mal kein Bleigießen mit befreundeten Pärchen, an deren Tisch er für eine ungerade Gästezahl gesorgt hätte. Stattdessen verbrachte er den Jahreswechsel allein mit seinem Fotoapparat auf einer Party mit 2000 Menschen. Normalerweise fotografierte er die Tristesse der Großstadt, an diesem Abend jedoch widmete sich sein Objektiv lächelnden Gesichtern. Fröhlich feierten sie vor sich hin; sie hatten einen stattlichen Eintrittspreis bezahlt — für sie musste es die Party des Jahres werden.

Er hingegen musste nur draufhalten, was mit zunehmendem Alkoholgenuss im Laufe des Abends immer leichter fiel. “Ich bring’ dich ganz groß raus”, hatte er im Spaß zu den Attraktiveren gesagt. Bei einigen von ihnen war er sich jedoch nicht sicher, ob sie die Ironie, die in seinen Worten mitschwang, zu verstehen vermochten.

00:00:00 Uhr, man schrieb jetzt das Jahr 2010: draußen ein Feuerwerk, neben ihm ein zögerliches Knallen von Schaumweinkorken. Die Menschen um ihn herum fielen einander plötzlich in die Arme, nur er stand ganz einsam mit seiner Kamera da.

Wenngleich auch seine Beschreibung dieses Abends etwas melancholisch klang, so wäre die Behauptung, er hätte gar keinen Spaß gehabt, unzutreffend gewesen. Schließlich hatte er viel weniger auszustehen als die jungen Damen, die an der Garderobe unermüdlich gegen das Chaos kämpften.

Café

Frühstück im Café du passage

Ich sitze in meinem Café und blättere in der Speisekarte. Das Café ist natürlich nicht mein Café, sondern mein Lieblingscafé, in das ich täglich gehe — unter anderem, um die Zeitung zu lesen, die natürlich ebenso wenig die meine ist. Die Karte kenne ich zwar, aber ein mir unbekannter Gast nimmt meine bevorzugte Tageszeitung in Beschlag.

Viele Gäste sind mir mittlerweile bekannt; zum Beispiel Klaus, der meistens schwarze Lederhosen trägt, und am Tisch nebenan sitzt. Er kritzelt etwas in winzigen Buchstaben auf ein loses Blatt Papier. Es könnte seine Biographie sein oder auch sein Testament. Die Buchstaben sind so klein, dass ich bezweifle, dass er sein Geschriebenes je wieder wird entziffern können; zumindest nicht ohne Leselupe. Der Gast, der die Tageszeitung in Beschlag nimmt, ist mir nicht bekannt, nicht einmal vom Sehen. Deswegen traue ich mich nicht, ihn zu fragen, ob er mir einen Teil abgibt. Es ist Freitag, und vermutlich hätte er ohnehin nur den Münchener Immobilienteil herausgerückt, der für mich einen ähnlich hohen Unterhaltungs- und Informationswert hat wie ein Lokalteil aus Reykjavik. Klaus und ich teilen uns die Zeitung immer unaufgefordert. Im Laufe der Zeit hat sich ein fester Modus herauskristallisiert, wer zuerst welchen Part lesen darf — nach einer gewissen Zeit wird getauscht.

Um die Wartezeit auf Politik, Feuilleton und Wirtschaft zu überbrücken, addiere ich die Quersummen der Preise aller Speisen und Getränke, um im Anschluss aus der Summe die Quadratwurzel zu ziehen. Mathematik hat mir nie Freude bereitet, genauso wenig wie der Sportteil, den ich stets auslasse. Sport ist noch uninteressanter als Anzeigen für großzügige Villengrundstücke am Starnberger See. Aus den Lautsprechern schallt dezent Musik: Paul Weller, von dem ich mich jedes Mal wundere, wie er an diesen Ort kommt. Der Modfather zu Gast im beschaulichen Winterhude; eine merkwürdige Vorstellung.

Zum Glück ist heute noch kein Wochenende, denn dann kommen zu allem Unglück auch noch die Wochenendfrühstücker aus ihren Löchern. Weil sie immer früher aufstehen als ich, essen sie mir meist die letzten Brötchen weg. Das Wichtigste ist, zum kleinen Frühstück ein zusätzliches Vollkornbrötchen zu bestellen. Dann startet es sich angenehmer in den Tag.

Wohne Orte #3

Liberté toujours

Einige Jahre waren sie jetzt schon ein Paar; scheinbar glücklich. Irgendwann ging er Zigarettenholen und kam nicht mehr zurück. Wie in einem schlechten Film. Dabei war er eigentlich Nichtraucher — das glaubte sie zumindest.

Bauwagen

25 km/h, außen ein Ofenrohr mit Abdeckklappe und oben ein Runddach. Dient als Umkleidekabine, Aufenthalts- und Sozialraum oder Werkzeuglager. Oft gar nicht mal so grau. Meistens stehend inmitten von Staub, Lärm und Verkehrsbehinderungen (und nicht anders könnend); seltener: alternatives Wohnkonzept.

Ich weiß nicht warum, aber ich mag Bauwagen. Meine Sammlung findet sich hier.

Wohne Orte #1