Archiv für die 'Reise' Kategorie

Wedding

Ein Schlauch, ein Kleinkraftrad, ein Hinterhof, zwei Bauwagen — Wedding. “Der Wedding”, wie der Berliner zu sagen pflegt. Ein Ortsteil im Bezirk Mitte von Berlin; zentral gelegen und dennoch unspektakulär.

Meine Wedding Nights: schlaflos, aber trotzdem einsam.

Mehr Bilder hier und dort.

Heimatalbum

Früher hatten meine Großeltern einen Schrebergarten. Um den etwa 500 Meter weiten Fußmarsch dorthin zu überstehen, hat mir meine Oma als Proviant sogenannte Hasenbrote mit Nutella in eine Umhängetasche aus Jeansstoff gepackt. Der Garten diente weniger dem Vergnügen als dem Anbau von Obst und Gemüse; es handelte sich sozusagen um den Inbegriff eines Pachtverhältnisses (Überlassung eines Grundstückes gegen Zahlung eines Pachtzinses zum “Fruchterwerb”, wie es im Juristendeutsch wunderbar heißt). In einem kleinen Buch wurde genau verzeichnet, was an welcher Stelle angebaut wurde: Bohnen, Kartoffeln, Erdbeeren und vieles andere mehr. In der Mitte des Gartens befand sich eine kleine grüne Laube, in deren Boden eine Luke eingefasst war. Für mich stand dort stets eine Zitronenlimonade bereit, für meinen Opa eine Flasche Schnaps, als Belohnung für die harte Arbeit. Direkt nebenan weideten Pferde auf einer Wiese, die mit einem Zaun gesichert war, durch den ein schwacher elektrischer Strom floss. Der Pferdebesitzer war ein unfreundlicher dicker Mann.

Heute befindet sich ein Neubaugebiet an der Stelle, an der meine Großeltern früher einen Schrebergarten hatten.

Berlin: Eine Woche im September 2009

Hochmotorisiertes Friedenau

Komm’ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau,
da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau Galopp,
da lacht der lieben Kuh der Ochs’ so freundlich zu.
Komm’ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau.

(“Friedenauer Nationalhymne”, Verfasser unbekannt)

Kurt Tucholsky lebte in diesem Stadtteil und auch die Kommune 1 war hier ansässig. Geht man allerdings heute durch Friedenau, so liegt der Duft der gutbürgerlichen Küche in der Berliner Luft, Luft, Luft – und nicht selten sieht man adrett frisierte Pudel, die offenbar denselben Friseur besuchen wie ihr Frauchen. Als die Brüder Grimm die Adjektive “gediegen” und “beschaulich” in ihr Wörterbuch einfügten, hatten sie vermutlich genau dieses Friedenau vor Augen. Gilt für die Bundeshauptstadt im Ganzen “arm, aber sexy”, so gilt für dieses Viertel “verschlafen, aber sympathisch”.

Doch der Schein trügt. Die wahre Leidenschaft der Bewohner Friedenaus liegt im Verborgenen: vor nahezu jedem der eleganten Stadthäuser steht so ein Ding unter einer Plane. Weiterlesen von ‘Hochmotorisiertes Friedenau’

Bonn

Schon damals, in Bonn, war nichts mehr so, wie es erschien.

–––
Weitere Impressionen aus Bonn.

Butterfahrt

Dies ist zwar kein Butterdampfer, aber das Publikum ist recht ähnlich.

Mein Urgroßvater ist schon zur See gefahren, mein Großvater, mein Vater – und natürlich auch ich. Das ist zwar erfunden, aber der versuchte Seemannsgarn einer Landratte macht sich ganz gut zum Einstieg dieser kleinen Geschichte.

Meine Seefahrererfahrungen beschränken sich im Wesentlichen auf Butterfahrten. Obwohl diese Touren eine beliebte Freizeitgestaltung für Senioren war, ist meine Oma vor allem meinetwegen mitgefahren. Als Kind liebte ich diese Ausflüge – weniger wegen der Möglichkeit des zollfreien Einkaufs von Schnaps und Zigaretten, sondern einfach wegen der vergnüglichen Schifffahrt an sich.

Alles war professionell organisiert: Beim örtlichen Reisebusunternehmer hatte man sich vorab anzumelden und später im Bus den Fahrpreis in Höhe eines Heiermanns pro Person in bar zu entrichten. Der Bus war klar in zwei Klassen geteilt: Die Profis, die jeden Tag mitfuhren, und zu deren vornehmsten Privilegien auch das ehrenamtliche Kassieren des Fahrpreises gehörte, hatten ihre festen Sitzplätze. Wer es wagte, als Amateurbutterfahrer den Platz eines Profis einzunehmen, dem wurde gedroht, später auf hoher See über Bord geworfen zu werden. Das riskierte niemand, Amateure hatten in den hinteren Reihen Platz zu nehmen.

Meistens wurde man vom Kutscher irgendwo in Dänemark ausgesetzt, um dann mit dem Dampfer über die Ostsee nach Eckernförde zurückzuschippern, wo der Bus wieder auf die Ausflügler wartete. Während der Fahrt konnte man im Bus Kaltgetränke oder warme Würstchen erwerben, die mittels eines vermutlich vom TÜV nicht abgenommenen Kochers, der an den Zigarettenanzünder angeschlossen war, erhitzt wurden. Ein solches „Gedeck“ überstieg leicht den Preis der gesamten Tagesreise; dies wurde aber damit gerechtfertigt, dass es sich um ein Zubrot des notleidenden Busfahrers handle, der diese Verköstigungen auf eigene Rechnung vertreibt.

Ständig musste man irgendwo seinen Personalausweis, ich meinen Kinderausweis ohne Lichtbild, vorzeigen. Nach stundenlanger Fahrt erreichte man schließlich irgendwann das Schiff, das meistens „Lady irgendwas“, einfach nur „Lady“ oder „Alte Liebe“ hieß. Zusammengepfercht mit Hunderten von anderen Butterfahrern ging es schließlich über eine kleine Brücke auf den rostigen Dampfer; ein Seelenverkäufer kurz vor dem Lebensabend. Währenddessen erzählte man einander alte Geschichten von der „Wilhelm Gustloff“ und erhielt wortlos einen kleinen Zettel mit einer Nummer darauf in die Hand gedrückt. Die Profis wussten sofort, was das zu bedeuten hat – alle anderen erfuhren es im Laufe des Tages.

Während der eigentlichen Butterfahrt gab es drei Hauptprogrammpunkte:

  1. Das im Fahrtpreis enthaltene Mittagessen: entweder ein ledriges Schnitzel oder eine schon etwas abgekühlte Currywurst mit labbrigen, aber dafür umso fettigeren Pommes frites. Es war noch Jahrzehnte vor Erfindung von neologistischen Euphemismen wie Analogkäse oder Fleischersatz, aber dennoch alles ganz schlimm, wenngleich auch besser als Erbsensuppe. Für nicht wenige Butterfahrer, insbesondere diejenigen, denen die Mittel fehlten, um an Bord einzukaufen, war diese günstige Form der Verköstigung – neben der strukturierten Tagesgestaltung – der Hauptgrund für diesen Ausflug.

  2. Der zollfreie Einkauf: Hier kamen die zuvor ausgegebenen Nummern zum Einsatz. Damit sich die mehrfach währungsreformerprobten Reisenden nicht gegenseitig für die Ersparnis von fünf Pfennig bei dem Erwerb eines halben Pfundes Butter zu Tode trampeln, wurden die Gäste nacheinander, geordnet nach Nummernkreisen, zum Einkauf gebeten. Meine Großmutter erstand meistens einige Stangen Zigaretten zu viel – für die Lieben daheim. Diese hatte ich dann in den eigens dafür mitgebrachten Kinderrucksack über die Grenze zu schmuggeln. Als kleine Bestechung erhielt ich eine Dose der köstlichen dänischen Lakritzen oder die wunderbaren Pfefferminzbonbons. Wir sind nie aufgeflogen – und die Tat ist längst verjährt, nur die Raucher von damals leiden noch heute an den Spätfolgen.

  3. Die Tanzmusik: Ein Mann mit Schnurrbart hinter einer Heimorgel spielte abwechselnd „An der Nordseeküste“, den Schneewalzer sowie den Ententanz. Selbst beim stürmischsten Wetter wurde mir nicht schlecht – auch nach der Currywurst nicht. Dieser Musikant jedoch schaffte es mit ein paar Takten, in mir eine gewisse Übelkeit hervorzurufen. An Bord eines solchen Butterdampfers entwickelte sich vermutlich auch mein bis heute festsitzendes Tanztrauma, da ich regelmäßig von älteren Damen aufgefordert wurde, mit ihnen eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen. So etwas geht an einem Jungen nicht spurlos vorüber und macht einen in der Adoleszenz in Diskotheken zum Eckensteher.

Für meine Oma zählte darüber hinaus auch das regelmäßige Plündern der Glücksspielautomaten zu den festen Bestandteilen eines solchen Ausflugs: „Pling, pling, pling, schepper, schepper, drück, tröt, tüdeldü, drück, drück, blink, schepper“ – und schon hatte sie wieder deutlich mehr Münzgeld unten herausgeholt als oben hineingesteckt. Wie sie das machte, ist mir bis heute ein Rätsel, aber es hat funktioniert. Ein geheimes Omasystem vermutlich, das sie in Zeiten von Internetpoker in ungeahnte Gewinnregionen brächte. Obwohl sonst dem Kartenspiel durchaus zugewandt, konnte sie sich mit den butterfahrenden skatspielenden Herren nicht so recht anfreunden.

Wieder festen Boden unter den Füßen, ging es mit dem Schmuggelgut gut durch den Zoll, dann folgten noch einmal Busfahrten; nicht mehr ganz so lang, aber immer noch lang genug. Die Omas schliefen währenddessen ein; manche schnarchten sogar – und die wenigen Opas machten die eine oder andere günstig erworbene Flasche Korn auf, bevor auch sie zu Schnarchen begannen.

Heute gibt es leider keine Butterfahrten mehr: dafür die EU samt Binnenmarkt, Kaffeefahrten mit Heizdeckenverkauf, Essen auf Rädern und Tagesstätten für Senioren. Eine Seefahrt, die ist lustiger.

Provinz

Stets versuche ich, meine kleinstädtische Herkunft so gut es geht zu verbergen. Nicht nur, dass Gedanken an Kleinstädte in mir Beklemmungen auslösen, kratzen sie auch noch an meinem über Jahre mühsam aufgebautem Hanseatenimage. Dabei stammen die meisten Menschen, die ich kenne, leben sie nun heute in Berlin, Hamburg oder München, aus irgendeiner Art von Provinz. Gedanklich jedoch haben alle die Kleinstadt längst hinter sich gelassen. Auch ich kann nach einem halben Leben in der Urbanität sagen: Verdrängung findet statt, Verdrängung hilft, Verdrängung ist gut.

Manchmal ist es unvermeidbar und gewisse Umstände ziehen mich aufs Land. Das einzige, was noch schlimmer ist als Kleinstädte, sind Dörfer. An jeder Ecke riecht es verdächtig nach einer Mischung aus Schützenverein, freiwilliger Feuerwehr und Dung. Nach 18 Uhr kann man kein Bier mehr kaufen und schnelle Internetleitungen sind Mangelware. Kreuzen Bürgermeister, Pfarrer oder Landarzt den Weg, zieht man seinen Hut; das gehört sich so. Fremde werden mit Argwohn beäugt, sogenannte Fremdenzimmer indes sind in großen Mengen verfügbar. Natürlich sind alle Fremdenzimmer frei, wie es die Schilder in den unser-Dorf-soll-schöner-werden-Wettbewerbs-gepflegten Vorgärten verheißen, denn niemand will in einem Dorf seinen Urlaub verbringen. Abends trifft man sich bei Bier und Korn im Dorfkrug und morgens um fünf kräht der Hahn: tagein, tagaus. Bis auf den Tag, an dem Schützenfest ist – dann hängen überall bunte Wimpel und es gibt Blasmusik.

Ich muss in die Stadt. Sofort.


Weitere Fotos aus der Provinz gibt es hier.

Kollmar

Direkt hinter dem Deich habe sie als Kind gewohnt, erzählte mir einst eine alte Dame. Sie wollte immerzu über ihn hinweg blicken, deshalb habe sie einen so langen Hals.

In Kollmar, in der Kremper Marsch, wenige Kilometer von Hamburg entfernt, gibt es außer Deichen nicht viel. Dahinter liegt die Elbe, nachts ist es hier viel dunkler als in der Großstadt und selbstredend auch sehr viel ruhiger; jedenfalls wenn die vielen motorradfahrenden Tagestouristen den Ort wieder verlassen haben und nicht gerade der Hahn im Morgengrauen kräht. Manchmal fährt ein Schiff vorbei und tutet ein wenig, seltener dient das flache Marschenland als Filmkulisse.

Unaufgeregtes Landleben kann man hier besichtigen; etwas ereignislos, aber eigentlich ganz schön. Die Krabbenbrötchen schmecken wunderbar, die Hälse der Menschen hier sind jedoch normallang.

Meine Kollmar-Fotos finden sich auf Flickr.

Kiel: Graue Stadt der Nieren

Erlebnisbar Eden

Erlebnisbar Eden

Auszug aus dem Protokoll eines Telefonats mit der Stadt Kiel (Vorwahl: 0431):

Ich: “Guten Morgen Kiel, du kannst so häßlich sein.”
Kiel: “Sie meinen sicher Berlin.”
Ich: “Nein, nein, ich meine Kiel, die graue Stadt am Meer.”
Kiel: “Aber die graue Stadt am Meer ist doch Husum, die Heimat Theodor Storms.”
Ich: “Ach so, Kiel liegt ja auch nicht am Meer, sondern nur an der Ostsee. Ich habe Kiel bereits in meiner Kindheit als sehr trist wahrgenommen: nach dem Krieg hat man den grauesten Beton gefunden, den man bekommen konnte, und daraus Kiel wieder aufgebaut. Charme sucht man vergeblich, Spröde hingegen ist allgegenwärtig.”
Kiel: “Aber denken Sie doch bitte an den Glanz der Kieler Woche oder an die großen Erfolge unserer Handballmannschaft.”
Ich: “Ist das alles, was die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt zu bieten hat?”
Kiel: “Aber weitem nicht, mein Herr. Unser ursprünglich von Adolf Hitler eingeweihtes Marine-Ehrenmal Laboe ist eine große Attraktion. Heute erinnert es “an die auf den Meeren gebliebenen Seeleute aller Nationen” und verfügt über einen eigenen Fan-Shop im Internet, in dem man das Ehrenmal im als Bausatz im Maßstab 1:250 erwerben kann.”
Ich: “Das reizt mich nicht.”
Kiel: “Wie wäre es denn mit unseren Rotlichtviertel, direkt am Hafen? Hier locken nicht nur die Erlebnisbar-Eden [Bild s. oben, Anm. d Red.], sondern auch so renommierte Etablissements wie der Crazy Sexy Innenhof.”
Ich: “Nein, nein, das ist nicht, was ich suche.”
Kiel: “Geben Sie uns eine Chance, ich schicke Ihnen unseren Katalog. Sie werden begeistert sein. Kiel könnte so etwas werden wie die graue Stadt der Herzen.”
Ich: “Wohl eher die graue Stadt der Nieren. Vielen Dank und auf Wiederhören.”

—————————

Meine Kiel-Bilder auf Flickr.

Hamburg-Berlin (Ein Mitfahrbericht)

Auf dem Potsdamer Platz

Berlin, Du spröde Metropole. Keine 300 Kilomenter trennen Dich von Hamburg – und doch ist es nicht einfach, Dich zu erreichen. Die Bahnfahrt dauert derzeit über zwei Stunden. Eine Baustelle ziert wieder einmal den Weg, und außerdem kostet die Fahrt etwa so viel wie eine durchschnittliche Monatsmiete (in der Hauptstadt wohlgemerkt). Auch Busfahren ist keine Alternative; der größte Teil der Mitreisenden führt Plastiktüten als Gepäckstück mit sich und versprüht unangenehme Ausdünstungen. Meine letzte Hoffnung, Dich doch noch zu erreichen, ist die über das Internet organisierte Mitfahrt in einem Kraftfahrzeug einer der vielen Pendler zwischen den Großstädten. Doch auch dies ist nicht ohne Hürden: einige beginnen ihre Fahrt in Vierteln, die von meinem Wohnort fast so weit entfernt sind wie das Reiseziel selbst, andere bieten ausschließlich Mitfahrgelegenheiten “von Frauen für Frauen” an oder rauchen Kette. Die meisten allerdings bekunden beim Anruf: “… bin schon voll.” Vielen Dank, aber bei einem vollen Fahrer wäre ich ohnehin nicht eingestiegen.

Schließlich findet sich doch noch eine Mitfahrgelegenheit für mich: eine verhuschte Frau in einem winzigen koreanischen Kleinwagen, der vollgestopft ist mit Gepäck und Mitfahrern. Am Rückspiegel hängt eine Figur von Hein Blöd und ein nicht näher zu identifizierender Gegenstand, der wie eine Voodoo-Puppe ohne Nadeln aussieht, die Rückbank wird durch ein Kunstkuhfell geschützt. Die Frau am Steuer gibt nimmt auf der Autobahn mehrfach unvermittelt den Fuß vom Gas; meistens wenn ihr Mobiltelefon klingelt, manchmal aber auch einfach nur so. Die Situation der Fahrerin scheint prekär: Am Telefon melden sich verschiedene Menschen, denen die Fahrerin Geld schuldet, das sie ihnen schon längst überweisen wollte. “Geld ist im Moment knapp bei mir”, lautet der von ihr am häufigsten gesagte Satz und nimmt dabei wieder den Fuß vom Gaspedal.  Bei wem nicht, denke ich und bin verwundert, dass sie die Fahrtkosten nicht schon an der zwischendurch angesteuerten Tankstelle kassiert. Jeden Moment rechne ich damit, dass die Frau hinter dem Steuer große Stricknadeln aus dem Handschuhfach holt, um damit die am Spiegel hängende Puppe zu bearbeiten und weiß nicht, ob ich mehr Angst vor einem Auffahrunfall oder vor der drohenden Thrombose haben soll.

Wenigstens schweigen die Mitfahrer. Während ich aus dem Fenster schaue, frage ich mich, ob es das Waldsterben noch gibt. Jedenfalls habe ich seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nichts mehr davon gehört. Vielleicht ist es für Umweltschutzorganisationen auch nicht mehr spektakulär genug, für die Erhaltung des deutschen Waldes zu kämpfen. Um heute die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen, braucht es schon einen Atomunfall oder zumindest einen Tsunami. Der Wald am Rande der Autobahn ist jedenfalls sehr kahl: Entweder ist er  bereits tot oder das ist einfach nur der Winter.

Nach knapp drei Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel: Berlin-Messe. Eine trostlose Gegend. Es regnet (weitaus stärker als in Hamburg). Trotzdem besuche ich Dich immer gern, Berlin.

——————————-

Meine Berlinphotos auf flickr: Potsdamer Platz, Tiergarten und Wedding

Madeira

Tage vorher wache ich des Nachts immer wieder vom demselben Alptraum schweißgebadet auf: Ich bin ein Pauschaltourist. Um mich herum dicke Leiber, die am Pool ihre Liege mit einem Handtuch markieren und sich kurzbehost und hawaiihemdbekleidet bereits zum Frühstück ölige Würstchen auf ihre Teller stapeln.

Doch bereits nach ein paar Tagen auf dem portugiesischen Eiland haben sich diese Befürchtungen in Luft aufgelöst. Schlimm sind nur die Engländer von Tisch 4, die sich am Frühstücksbuffet massenweise mit selbstgeschmierten Sandwiches für den gesamten Tag eindecken, und die Passagiere der zahlreichen Kreuzfahrtschiffe, die stundenweise über Madeira herfallen, um literweise Galão in sich hineinzukippen.

Abgesehen davon ist es dort ganz großartig. Nicht nur, dass auf der Insel das gesamte Jahr über Frühling ist; die Inselgruppe weiß mit zahlreichen Attraktionen abseits von Madeirawein, Poncha und Degenfisch mit Banane zu locken:

In Sichtweite befindet sich die eine Inselgruppe, die drei Desertas (Wüsteninseln). Aufgrund von Frischwassermangel, Trockenheit und Abgeschiedenheit sind diese freilich unbewohnt.

Die charakteristische Schuhmode hat den unerwünschten Nebeneffekt, dass sich alle Frauen ab etwa ihrem 40. Lebensjahr einer intensiven orthopädischen Behandlung unterziehen müssen, um ihren inseltypischen Schiefgang zu korrigieren. Im besten Falle führt das Ablegen des extrem hochhackigen Schuhwerks zu einer Kompensation der in der Hauptstadt Funchal überwiegend steilen Straßenverläufe. Im Falle eines erfolglosen Behandlungsverlaufs sehen die Frauen ohne ihre geliebten High-Heels  ziemlich schräg aus.

Am meisten zu beneiden ist die Atlantikinsel jedoch wegen ihrer hervorragenden Presselandschaft.

Abwechslungsreich, interessant und gut geschrieben sind hier die Zeitungen. Als Urlauber könnte man glatt neidisch werden; ihm bleibt lediglich der Import eines Presseproduktes, das nicht nur vom Vortag ist, sondern auch fast so viel kostet wie ein Monatsabonnement daheim.

Madeira ist das portugiesische Wort für “Holz” – der Stoff aus dem die Zeitungen sind.

Hätten wir in Deutschland so gute Zeitungen und so begeisterte Leser, gäbe es keine Medienkrise.

Am liebsten würde ich sofort wieder zurück auf die Insel. Meine restlichen Urlaubsphotos finden sich hier.

Busqual

Bahnfahren ist teuer geworden. Eine Fahrkarte für die Strecke Hamburg-Berlin kostet – zumindest für Spontanreisende -  mittlerweile so viel wie die Kerosinfüllung eines Jumbojets. Daher habe ich mich kürzlich dazu entschlossen, aus Budgetgründen den Linienbus vorzuziehen. Immerzu ist die Rede davon, dass Reisen bildet. Dass Reisen auch quälen kann, sagt einem niemand.

Der Fahrer begrüßt die Reisenden mit nuscheligem Ostblockakzent. Dann die erste Kurve, es schaukelt. Keine Stewardessen weisen einem den Weg zum Notausgang, das Fahrwerk ist butterweich. Bei jeder Lenkbewegung droht der Doppeldecker umzukippen. Ich warte darauf, dass Sauerstoffmasken aus der Decke fallen, aber nichts passiert. Wann der Bus wohl zuletzt gewartet wurde? Den Nothammer an meinem Platz hat auch irgendjemand geklaut. Dabei hätte ich ihn so dringend benötigt.

Vor mir beginnt ein sehr dicker Mann zu schnarchen. Er ist so dick, dass in seiner Nackenfalte leicht zwei Eichhörnchen Platz hätten. Er legt sich quer über zwei Sitze und beginnt mit seinem Sägewerksimitationstraining und gerät dabei mächtig ins Schwitzen. Er sägt und stinkt und sägt und stinkt und sägt und stinkt. Ich sehe mich um: alle Mitreisenden haben offensichtlich einen Koffer in Berlin – vermutlich ihren einzigen, denn die meisten hier tragen als einziges Gepäckstück eine Plastiktüte bei sich.

Hinter mir sitzt eine bislang unentdeckte Art des siamesischen Zwillings: Zwei Teenagermädchen, die durch einen gemeinsamen weißen Musikspielerkopfhörer unzertrennlich miteinander verbunden sind. Das andere Ohr ist jeweils frei, um sich mit der Zwillingsschwester lautstark – schließlich muss das Kopfhörergeräusch kompensiert werden – über den neuesten Jungsgruppenkram, Urlaubspläne und Techtelmechtel zu unterhalten.

Neben mir packt eine dicke Frau, die noch so dick werden will wie der Mann vor mir, ein Wurstbrot aus: natürlich Leberwurst. Das Brot stinkt auch, die Frau schmatzt. Sie bietet mir ein Wurstbrot an, ich lehne dankend ab.

Mir wird schlecht. Ich schreie: “Ich bin Busreisender – holt mich hier raus!” Nach dreieinhalb Stunden ist der Albtraum vorbei, die vermeintlich billige Bustour habe ich teuer bezahlt. Das nächste Mal fahre ich wieder mit der Bahn.