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Über das Laufen

Dieser Text ist meinem Freund mspro, dem König aller Läufer, gewidmet.

Jogger an der Alster, Hamburg

Jogger an der Alster, Hamburg


“Ich jogge nicht, ich laufe Amok.”
(Hildegard Knef)

Früher hieß Jogging noch Dauerlauf. In den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erblickte Trimmy 1 das Flutlicht der Welt. Das Maskottchen der Trimm-Dich-Bewegung war sozusagen das sportliche Gewissen der Nation und Gegenstück zum lässig zigaretterauchenden HB-Männchen („Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“)2. Viele Jahre später – Trimmy ist längst in Rente und lange Zeit nach dem ewig lächelnd-federnden Fitnesspapst Dr. Strunz3 sowie dem wieder fett gewordenen Joschka Fischer4 – wird in den Wäldern und Parks der Republik noch immer gelaufen. Auch ich habe vor einigen Wochen wieder damit angefangen.

Laufen ist gesund, sagt der Mediziner (wenn man es denn richtig macht): Es beugt diversen Zivilisationskrankheiten von Bluthochdruck bis Diabetes vor, trainiert das Herz und baut ganz nebenbei auch noch ein paar überflüssige Pfunde ab. Eigentlich alles schön und gut, wäre da nicht ein Problem: Es gibt viel mehr Nach- als Vorteile.

Früher habe ich gern und gut gefrühstückt. Das Frühstück ist der größte Feind des Laufens. Macht man es sich erstmal in der trauten Zweisamkeit am heimischen Tisch bequem, so sind Milchkaffee und Croissant weitaus reizvoller als schwitzend seine Runden in einem Park zu drehen. Gleiches gilt selbstredend auch für ein gepflegtes Feierabendbier. Frühstücken und Bier trinken machen Spaß – Laufen macht keinen Spaß.

Schon die Vorbereitungen bergen ihre Tücken. Bei gemäßigten Temperaturen stellt sich die Kleidungsfrage nicht. Man greift sich die erstbeste kurze Hose und ein schlabbriges T-Shirt – fertig ist das perfekte Laufdress. Leider ist es so, dass in unseren Breitengraden bereits ab Mitte August der Winter einbricht. Will man nicht in einer Muckibude hechelnd auf einem Laufband auf der Stelle treten, so bleibt nur der Griff zur so genannten Funktionskleidung. Sie hält den trainierenden Körper auf ein angemessenes Temperaturniveau und leitet den Schweiß nach außen. Das ist zwar praktisch, sieht aber leider total bescheuert aus. Wer froh ist, dass Leggins aus den Kleiderschränken der Damenwelt verschwunden sind, oder sich gern über die wurstpellenartige Kleiderordnung von Rennradfahrern lustig macht, bekommt an dieser Stelle Probleme. Diese Art von Hose, wie sie dem Laufen bei Kälte zuträglich ist, ist einfach hässlich. Selbst Frauen mit knackigem Hintern und Männern mit nur durchschnittlich großem Gemächt sehen in ihnen so unästhetisch aus, dass man sich fragt, warum sie nicht einfach das Chronikerprogramm ihrer Krankenversicherung dem Laufsport vorziehen.

Laufen kostet Überwindung. Es beginnt schon damit, überhaupt das entsprechende Schuhwerk zuzuschnüren: Für viele Menschen wäre die Bändigung der viel zu langen Schnürsenkel bereits Sport genug. Hat man dies im Halbschlaf hinter sich gebracht, beginnt das eigentliche Elend des Läufers: Der erste Schritt ist eine Qual, der erste Meter ist eine Qual, die ersten hundert Meter sind eine Qual und auch der erste Kilometer ist eine Qual – so geht es im Prinzip weiter, bin man wieder zuhause angekommen ist. Der ungeübte Anfänger gibt bereits nach ein paar Schritten auf oder wechselt zum Nordic Walking5 – mit der Konsequenz, dass sowohl Ausrüstung als auch Ausübung dieser Aktivität noch viel schrecklicher aussehen als beim Jogging.

Dann geht es los: Man hechelt, man schwitzt, man bekommt Seitenstechen und ganz plötzlich wird man von zwei joggenden Müttern mit Kinderwagen überholt, die sich währenddessen über Kochrezepte austauschen. Man denkt sich dann: ach, und während man ach denkt und darauf wartet, dass sich die Mütter zu gegebener Zeit zur Erholung auf ihre Kinderwagen stützen, um sich ein wenig von den athletischen Anstrengungen zu erholen, und man sodann endlich wieder an ihnen vorbeiziehen kann, überholt einen zu allem Unglück auch noch ein rüstiger Rentner. Plötzlich denkt man nicht mehr ach, sondern ärgert und schämt sich nach Kräften und gibt noch einmal alles. Am Anfang einer Läuferkarriere ist das jedoch nicht sonderlich viel. Der Rentner vor einem wird immer kleiner und man redet sich ein, dass gerade ein stark beschleunigter altersbedingter Schrumpfungsprozess des Körpers zum Tragen kommt. Dies trifft natürlich nicht zu, der Senior ist einfach schneller und dann nimmt man ihn nur noch als einen winzigen Punkt am Horizont wahr. Kein Wunder, denn nur so konnte er den Krieg überleben – und außerdem hat er den ganz Tag Zeit zum Trainieren.

Aber es gibt auch Erfolge, die sich nach verhältnismäßig wenigen Trainingseinheiten einstellen: So lässt man sich von braungebrannten Muskelpaketen mit Iron-Man-Trikotagen, die nicht nur windkanalgeprüfte Sonnenbrillen sondern auch noch Pulsuhren tragen, deren Rechenkapazität noch vor wenigen Jahren diejenige ganzer Serverfarmen überstiegen hätte, nicht mehr einschüchtern. Sollen sie einen doch während einer Trainingseinheit mehrfach überrunden – sie werden niemals um den Genuss eines köstlichen Croissants oder frisch gezapften Feierabendbieres wissen, sondern ewig freudlos auf ihren Nahrungsergänzungsmitteln und Müsliriegeln herumkauen. Auch alkoholabhängige Gammler und zigarrerauchende dickbäuchige alte Männer, die einen, auf Parkbänken sitzend, spöttisch anfeuern, lernt man schnell zu ignorieren. Man muss den Wunsch, nur für diesen einen Moment mit ihnen tauschen zu wollen, einfach verdrängen und sich einreden, man tue gerade das einzig richtige.

Irgendwann jedoch müssen für das sportliche Vorankommen neue Strategien her. Urinstinkte werden wach: der Jagdtrieb. Routiniert hält der mittlerweile Fortgeschrittene Läufer Ausschau nach einem geeigneten Opfer, in dessen Windschatten es sich zu laufen lohnt. Bei Männern sind dies bevorzugt attraktive Frauen (möglicherweise auch umgekehrt). Wie ein Windhund im Rennen der Wurst hinterherrennt, läuft der bier- und croissantbäuchige Läufer der durchtrainierten Läuferin mit den Gazellenbeinen (schlank und behaart) hinterher. Diese Strategie ist anfangs sehr anstrengend und erfordert die ganze Konzentration des Läufers. Nicht nur, dass man Obacht geben muss, nicht abgehängt zu werden, sondern man darf auch nicht so sehr auf die optischen Reize seiner Pacemakerin6 fixiert sein, dass man Unebenheiten der Laufstrecke übersieht, und dabei ins Taumeln gerät. Mehr als peinlich ist es, bei der Verfolgung zu stolpern und hinzufallen. Dies ist nicht nur unangenehm, weil man dabei einen beträchtlichen Teil des Sandbodens inhaliert und sich Schürfwunden zuzieht, sondern insbesondere, weil sich die hübsche Vorderfrau umdreht und einen mitleidig anguckt. Die gesamte Laufsituation ist ohnehin schon hochpeinlich, so dass das Mitleid einer schönen Frau leicht zu einem Trauma führen könnte. In diesem Falle ist Geistesgegenwart gefragt: man muss sich unverzüglich vom Boden erheben, den Dreck abschütteln und sagen: „Das mache ich immer so.“ Danach gilt es, schnellstmöglich abzubiegen und möglichst unerkannt nach Hause zu humpeln.

Nur nach langem, harten Training kommt man über dieses Stadium hinaus. Man zieht dann an Müttern mit Kinderwagen ebenso selbstverständlich vorbei wie man läuferisch mit kriegsversehrten Senioren mithalten kann. Parkbankspötter hat man freilich genau so ausgeblendet wie hochgezüchtete Eisenmänner. Auch braucht man als Motivationshilfe keine hübschen Joggerinnen vor sich, um in einigermaßen vertretbarer Geschwindigkeit den Stadtpark zu umrunden. Das Laufen wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit, man gewöhnt sich daran und redet sich ein, dabei auf neue Gedanken zu kommen, obwohl alle guten Gedanken bereits gedacht wurden. Man redet sich sich ein, dass das Laufen Spaß mache; ja, man wird gar eins mit der Mär vom Flow7 – und glaubt dies auch noch (ganz Hartgesottene gehen mit dieser vermeintlichen Erkenntnis sogar in ihrem Freundeskreis hausieren und werden so ungewollt zu einem irrgläubigen Missionar des Laufsports). Doch irgendwann kommen ganz unvermeidlich Übermüdungsbruch und Gelenkverschleiß. Das ist aber nicht weiter tragisch, dann hat man endlich wieder Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens: Frühstücken und Bier trinken.

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  1. “Das Männlein, das uns Beine macht” auf einestages
  2. Das HB-Männchen auf tv-nostalgie.de
  3. Wikipedia-Eintrag zu Dr. Ulrich Strunz
  4. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer schrieb einst ein Buch mit dem Titel “Der lange Lauf zu mir selbst”, in dem er über seine Lauferfahrungen berichtete. Mittlerweile hat er wieder kräftig zugenommen. Hier die Rezensionen auf perlentaucher.de
  5. Nordic Walking auf boschblog.de
  6. Wikipedia-Eintrag zu Tempomacher
  7. Wikipedia-Eintrag zu Flow

Nordic Walking

Ein Mann mit einem Nordic-Walking-Bekenner-T-Shirt der Größe XXL mit der Aufschrift “Ich glaub, ich geh’ am Stock – Nordic Walking” geht humpelnd, aber ohne Stock, die Straße entlang. Ein anderer Mann betrachtet ihn abschätzig. Der Humpelnde sagt: “Ich kann schlecht laufen, ich habe mir den Zeh gebrochen.”

Tagebuch eines EM-Verweigerers Teil 5: Schostakowitsch und Schluss

Eigentlich ist dies ein Beitrag für die Rubrik Leserbriefe. Da ich aber langsam beginne, mich an diese kleine Fußballserie zu gewöhnen, erscheint dieser zum Ausklang der glücklicherweise heute endenden Europameisterschaft in dieser Reihe. Das Beste am Fußball ist, dass es – wenn man von Nachspielzeiten einmal absieht – keine Zugaben gibt.

Kürzlich frug mich eine unbekannte Kommentatorin, wie mein Verhältnis zu Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) sei. Der russische Komponist war nämlich, wie die Archive der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und der Süddeutschen Zeitung belegen, ein großer Fußballfan. Die NZZ schreibt dazu in ihrer Ausgabe vom 23. September 2006:

Zwischen intellektueller Überlastung und den ständigen politischen Zwängen fand Schostakowitsch kaum Möglichkeiten der seelischen Entspannung. Ohne Fussball hätte er dieses Leben nicht ausgehalten, meinte seine Biografin Sofia Hentowa.

Die unbekannte Leserbriefschreiberin schreibt weiter, dass sie derzeit fasziniert von Schostakowitschs 11. Sinfonie sei, und fragt nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Rhythmik und Fußballtaktik. In Ermangelung einer vorliegenden Aufnahme dieses Werkes weiß leider auch ich darauf keine erschöpfende Antwort zu geben. Wohl aber befindet sich in meiner bescheidenen Musiksammlung eine Gesamtaufnahme Schostakowitschs Streichquartette – die noch immer zeitgemäße und erfrischende Aufnahme des Brodsky Quartets aus dem Jahre 1989. Keine Mühen habe ich gescheut und für meine Leserschaft diese Aufnahme – insbesondere vor dem Hintergrund meines neu erworbenen Wissens um die Fußballliebe des Komponisten – einmal angehört. Das Ergebnis wird Sie möglicherweise so sehr überraschen wie es auch mich überrascht: man kann nicht hören, dass Schostakowitsch ein Fußballnarr war.

Das ist gut, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist es für einen Geistesmenschen unabdingbar, einen intellektuellen Ausgleich zu finden. Tage und Nächte sitzt der Komponist in seiner dunklen Kammer und komponiert Sinfonien, Konzerte, Suiten und Kammermusiken vor sich hin. Das ist anstrengend und irgendwie muss die ganze Anspannung, die sich dabei aufbaut, heraus aus dem komponierenden Komponisten. Da ist es immer noch besser, am Rande eines Fußballfeldes die aufgestauten Aggressionen abzubauen, indem man die eigene Mannschaft anfeuert und den Schiedsrichter beschimpft, als gelegentlich einen Amoklauf zu begehen oder sich die Venen mit Heroin vollzupumpen. Selbst in meinem Freundeskreis finden sich zahlreiche Menschen, die sich hin und wieder mit Begeisterung Fußballspiele anschauen. Auch wenn ich selbst eine Abneigung gegen diese Sportart hege, so bin ich tolerant genug, ihnen diese Vorliebe als Ventil für die Belastungen des Alltags zuzubilligen. Schließlich handelt es sich bei dieser Neigung lediglich um einen kleinen Aspekt ihrer Persönlichkeit. Dieser zeigt ganz wunderbar, dass niemand vollkommen ist – nicht einmal meine eignen Freunde. Zweitens ist es doch beruhigend zu erkennen, dass es zwischen einer einzelnen Charaktereigenschaft und dem Menschen als Ganzes keinen wirklichen Zusammenhang gibt. So kann man einerseits fußballverrückt und gleichzeitig ein talentierter Komponist sein, wie dies bei Schostakowitsch der Fall war. Auch gibt es bekannte Fälle von Fußballverrückten, die gleichzeitig ganz miserable Musiker sind, wie es die Band Sportfreunde Stiller mit ihrer Fußballhymne 54, 74, 90, 2010, aber auch viele andere zuvor eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben.

Mit der versöhnlichen Erkenntnis, dass auch Fußballfans gute Menschen sein können, will ich dieses kleine Tagebuch beschließen – morgen ist zum Glück alles vorbei.

Tagebuch eines EM-Verweigerers Teil 4: Man sieht sich

Gestern erwarb ich beim Zeitungshändler meines Vertrauens eine Sonntagszeitung.  Nachdem ich mein passend abgezahltes Münzgeld hinüberreichte, verabschiedete mich dieser mit den Worten “Wir sehen uns Mittwoch.” Mittwoch?, dachte ich. Was ist bloß Mittwoch los? Trotz größter Anstrengungen konnte ich mich nicht daran erinnern, ein Rendezvous mit dem Zeitungshändler zu haben. Tiefe Falten schlugen sich als Ausdruck meines Grübelns in meinem Gesichte nieder;  ich zögerte. Lag etwa eine Verwechslung vor?

Ratlos schaute ich meinen Zeitungshändler an – ein junger Mann türkischer Abstammung. “Na Fußball, Mann”, sagte er – nun ebenso ratlos wie ich – und schüttelte verwundert sein Haupt. Ich brachte nur ein kurzes “Ah” hervor, während sich hinter mir bereits eine Warteschlange von Kicker-Käufern bildete, und suchte das Weite.

Weder gedenke ich am kommenden Mittwoch Fußball zu schauen, noch gedenke ich Fußball zu spielen. Genausowenig wie ich Papst bin, bin ich ein Mitglied der deutschen Fußballnationalmannschaft. Möge der Bessere gewinnen.

Tagebuch eines EM-Verweigerers Teil 3: Das Leiden geht weiter

Das Leben als EM-Verweigerer wird von Tag zu Tag schwieriger. Nicht, dass in mir plötzlich ein unerklärlicher Drang aufkeimte, plötzlich einem Rudelglotzen beizuwohnen. Vielmehr belastet mich die unaufhaltsam scheinende Rundlederbegeisterung angesichts der wider Erwarten überstandenen Vorrunde der Deutschen Nationalmannschaft.

Derweil steigen die Benzinpreise ins Unermessliche. Die überall ausverkauften Fahnen werfen ihre Schatten: Der durch sie erhöhte Luftwiderstand führt schon seit Wochen dazu, dass der Spritverbrauch eines durchschnittlichen Kleinwagens sich beständig dem eines amerikanischen Straßenkreuzers annähert. Dies treibt die Nachfrage in die Höhe. Der ADAC jammert, Greenpeace schimpft und die Vertriebsvorstände der Mineralölkonzerne taumeln vor Glück. Nicht mit Blick auf das Gekicke, sondern beim freudigen Blick auf ihre Absatzzahlen vermögen sie nur noch mit leuchteten Augen vom sogenannten “EM-Effekt” zu sprechen.

Nachdem nun auch der letzte Einzelhändler vom Fußballfieber gepackt während der Spielzeiten lieber sein Geschäft schließt, anstatt die ohnehin kränkelnde Wirtschaft ankurbeln zu lassen, und ich mittlerweile auch schon meinen längst überfälligen Friseurbesuch absolviert habe, werde ich mich während des nächsten Spiels “unserer” Nationalmannschaft den dann auslaufenden Ebay-Auktionen zuwenden. Dort lässt sich mangels Nachfrage sicher das eine oder andere Schnäppchen schlagen.

Tagebuch eines EM-Verweigerers Teil 2: Erste Einschränkungen


Rohen Fisch mag ich so gern wie Fußball – trotzdem bin ich bei dieser EM auch für Japan.

Eigentlich könnte mir dieses ganze Fußballtamtam egal sein. Ich habe die Europameisterschaft nicht bestellt, und doch schleicht sie sich durch die Hintertür in mein Leben. Das behagt mir nicht.

Die Fahnen, der Jubel, das Hupen – sollen sie von mir aus alles machen. Schließlich bin ich tolerant. Ich habe nichts gegen Menschen, die sich an einem Gummiband befestigt eine Brücke hinunterstürzen oder Geld dafür bezahlen, sich auspeitschen zu lassen. Warum sollte ich etwas gegen Fußballfans haben? Vergangenen Sonntag allerdings, als ich, wie gewohnt, um viertel nach acht mein Fernsehempfangsgerät einschaltete, bekam ich das erste Mal die Schattenseiten meines Daseins als EM-Verweigerer zu spüren. Statt der Ausstrahlung eines nagelneuen Tatorts wurde mir lediglich ein recycelter Kriminalfilm vorgesetzt. Dies nur, weil auf dem Nachbarsender ein Fußballspiel übertragen wurde. Offensichtlich gibt es mehr Fußballfans als Tatortfans, was mich am Zustand unserer Gesellschaft weiter zweifeln lässt. Soweit ich mich erinnern kann, wurde noch nie ob der Erstausstrahlung einer grandiosen Tatortfolge auf einem anderen Kanal die Wiederholung eines Fußballspiels gezeigt.

Doch selbst für mich hat die Austragung dieses Kickerturniers auch seine guten Seiten: Während die deutsche Nationalmannschaft gegen Kroatien am Donnerstag eine verdiente Niederlage einfuhr, befand ich mich in einem Einkaufszentrum. Normalerweise fühle ich mich in diesen Konsumtempeln so wohl wie in Premiere-Sportbars. Nur dieses Mal war alles ganz anders, denn alle übelriechenden Einkäufer, die sich hier gewöhnlich auf die Füße treten, und einem jegliches Einkaufsvergnügen verleiden, waren abwesend. Nur gelegentlich begegnete mir zwischen 18 und 20 Uhr ein anderer Fußballverweiger: Immer dann zwinkerten wir uns im Vorübergehen verschwörerisch zu – jeder Konsument ein Bruder im Geiste.

Im Anschluss an die Partie konnte ich mich noch ein wenig am Anblick von unter Tränen verlaufener schwarz-rot-goldener Schminke erfreuen. Doch sofort stieg auch in mir ein Hauch von Patriotismus empor. Plötzlich hoffte ich, “unsere” Nationalelf würde die Vorrunde überstehen, sonst müsste ich bis zum nächsten entspannten Einkaufserlebnis noch zwei weitere Jahre, bis zur kommenden Weltmeisterschaft, warten. Am Montag spielt Deutschland gegen Österreich – vielleicht gehe ich währenddessen mal wieder zum Friseur.

Tagebuch eines EM-Verweigerers Teil 1: Jetzt geht’s los

Jetzt geht es wieder los: Die angestaubten Fähnchen werden aus den Kellern geholt und an die blankgeputzten Kraftfahrzeuge montiert. Und auch die Plasmafernseher in den Kneipen, die in den letzten Monaten nur als Bildschirm für Kamin-DVDs dienten, rücken wieder in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Selbst die Kanzlerin musste heute in einem ganzseitigen Interview in der Süddeutschen Zeitung ihre Liebe zum Fußball öffentlich bekennen, nur um ein paar Wählerstimmen zu gewinnen – nach der Wahl ist schließlich vor der Wahl.

Ansonsten vernünftige Menschen, die normalerweise nicht im Traum daran denken würden, ein Premiere-Abo abzuschließen, um ein paar verschwitzten Männern dabei zuzusehen, wie sie einem Ball hinterherlaufen, sind plötzlich wie ausgewechselt, und und finden es toll, dass es wieder überall Public-Viewings gibt, mit Bierständen, obwohl sie eigentlich sonst lieber Wein trinken, und dass die Kanzlerin jetzt auch ein Fußballfan ist und dass in den Kneipen endlich keine Kamin-DVDs mehr gezeigt werden. Dieses sportliche Großereignis lässt ansonsten kultivierte Menschen wochenlang mit Freunden und Menschen, die plötzlich zu Freunden werden, obwohl man mit ihnen unter normalen Umständen kein Wort wechseln würde, weil man sie verächtlich als Fußballprolls bezeichnet, in Kneipen vor Fernsehern hocken und Bier trinken und Gröhlen und Mitfiebern, und anschließend beteiligen sie sich an einem Autocorso und feiern ausgelassen ein großes Fest, eine bunte Party, ein fantastisches Ereignis, und man freut sich, dass alle Menschen Brüder werden, zumindest alle Europäer, weil es ja eine Europameisterschaft ist, und nach ein paar Wochen ist wieder Normalität, sprich Bundesliga, und sie interessieren sich nicht mehr auch nur ein kleines bißchen für verschwitzte Männer, die einem Ball hinterherrennen, selbst wenn die Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel in Timbuktu oder was weiß ich wo zu Gast ist. Das überlässt man den dann ehemaligen Freunden, die ein Premiere-Abo haben, und regelmäßig Bundesliga gucken und die die Abseitsregel im Schlaf erklären können und mit denen man zwischen Welt- und Europameisterschaften kein Wort wechseln würde, weil man diese Leute ja nicht als seine Freunde, sondern als gemeine Fußballprolls bezeichnet, denn sie besitzen eine Jahreskarte für den HSV, dem sie selbst zu Auswärtsspielen nachreisen, und interessieren sich nicht im Geringsten für die sympathischeren Kiezkicker von St. Pauli und haben außerdem in ihrer Musiksammlung alle CDs von Lotto King Karl, natürlich nur signierte Ausgaben mit persönlicher Widmung.

Mir ist das alles egal. Ich lehne Fußball ab – ob nun Europameisterschaft ist oder nicht. Mir macht es nichts aus, auch mal im Abseits zu stehen, aber ich muss ja im nächsten Jahr auch keine Bundestagswahl gewinnen.

Fußball und Gammelfleisch

In der Ausgabe vom 8. Februar 2008 berichtete die Süddeutsche Zeitung über einen “Strahlenangriff von der Tribüne”. Irritierende Lichtreflexe hielten plötzlich die Helden der Deutschen Fußballnationalmannschaft bei einem Länderspiel gegen Österreich vom Toreschießen ab. Bernd Schneider, Jens Lehmann, Bastian Schweinsteiger und Manuel Friedrich – allen wurde grün vor Augen. Die Moderatoren Günter Netzer und Gerhard Delling hatten sofort die passende Antwort: “Da versucht doch tatsächlich jemand mit einer Laserpistole den Schützen abzuhalten.”

Nur wenige Seiten weiter fand sich in derselben Ausgabe der Zeitung der Artikel “Mit der Laserpistole gegen Gammelfleisch”.

Ob es einen Zusammenhang zwischen der neuen Methodik, die verdorbene Lebensmittel kenntlich macht, und der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft gibt, konnte auch das versierte Moderatorenduo nicht erklären. Möglicherweise zielten nicht fanatische Fußballfans auf die Spieler, sondern österreichische Lebensmittelkontrolleure gingen lediglich ihrer Pflicht nach.