Manchmal bin ich froh, dass meine schlimmsten Nachbarn direkt nebenan und nicht etwa gegenüber wohnen:
Tag Archiv für 'Nachbarn'
Draußen ist es dunkel. Es ist Morgen, Mittag oder Abend. Auf jeden Fall ist es Herbst, da ist es eigentlich immer dunkel. Klare Nacht – den ganzen Tag lang. Nur manchmal leuchtet es ganz plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde grell auf. Doch kein Grollen ist zu vernehmen, der Himmel ist wolkenlos und klar. Und trotzdem ist da dieses Blitzen: einmal, zehnmal, hundertmal kurz hintereinander.
Irritiert nehme ich zur Kenntnis, dass sich im Haus gegenüber jemand ein Photostudio eingerichtet hat. Vielleicht hat dieser jemand es erst gestern getan, möglicherweise bereits im Frühjahr. Jedenfalls fällt mir erst jetzt, da die Tage dunkler geworden sind, auf, dass sich gegenüber ein Raum voller Studioblitze befindet. Diese scheinen den ganzen Tag in Betrieb zu sein. Aus dem Fenster des Photographen blitzt es so gewaltig, dass ich in meinem Wohnzimmer – synchronisierte ich das Auslösen meiner Kamera mit seinem Blitzgerät nur sorgfältig genug – problemlos ebenfalls ein Studio einrichten könnte, jedoch ohne die Anschaffung einer eigenen Blitzanlage. Aus meiner leichten Animosität wird tiefe Abscheu.
Gelegentlich hört man von Menschen, die in der Nähe von Windkraftanlagen leben. Der regelmäßige Schattenwurf der Rotorblätter treibt einige der Anwohner langsam, aber sicher in den Wahnsinn. In der Nähe eines solchen Windrades möchte ich meinen nächsten Urlaub verbringen.

Foto: Frengo
Ein gleichsam effektiver und heimtückischer Weg, unliebsame Nachbarn in den Wahnsinn zu treiben ist, seinen Wecker auf eine Uhrzeit zu stellen, zu der man selbst nicht daheim zu sein gedenkt. Der fortgeschrittene Nachbar verwendet in seiner ganzen Niedertracht hierfür freilich keinen mechanischen Aufziehwecker, den er zuvor auf einem Teller plaziert hat, sondern geht mit der Zeit und benutzt einen lautstarken Digitalwecker mit automatischer Weckwiederholung.
Sollte mein Nachbar allerdings in seiner Schikane so weit gegangen sein, dass er mich gerade nicht nur mit lautstarken akustischen Signalen quält, sondern zugleich auch noch in den Urlaub gefahren sein, so kann er gewiss sein, dass ich zwecks Abstellung der Schallbelästigung geeignete Maßnahmen zum Aufbruch der Wohnung ergreifen werde.
Ich indes bin meinen Mitmenschen wohlgesinnt und hoffe nicht, so weit gehen zu müssen. Daher wünsche ich selbst meinem maliziösen Nachbarn einen angenehmen Urlaub und türschlossschonende kurze Batterielaufzeiten (alternativ, falls der Nachbar lediglich einen tiefen Rausch ausschläft, und darob seinen Wecker überhört, wünsche ich ihm zumindest einen taglang einen angemessenen Kopfschmerz, der ihm eine Lehre sein möge).
Geklöppel am Morgen und Promillekørsel
Gewöhnlich habe ich einen gesunden Schlaf. Heute jedoch erwache ich bereits um 4.30 Uhr. Es ist nicht nur das leidige Gezwitscher des Federviehs, das mich um meine Nachtruhe bringt. Heute kommt von irgendwoher ein dumpfes Geklöppel, das mich aus meinen süßen Träumen reißt. Es ist ein lautstarkes, regelmäßiges Geräusch, das einem Schlag auf eine große Trommel im Sekundentakt gleicht.
Spornstreichs nachtwandle ich auf meine Balkonage, um den Übeltäter auszumachen. Ich bemerke, dass es zu dieser Uhrzeit bereits fast taghell ist. Eine Erkenntnis, die mich überrascht – die Zeiten, in denen ich um 4.30 Uhr nach Hause gekommen bin, sind längst vorüber, ein Hang zur präsenilen Bettflucht ist noch nicht auszumachen. Ich lasse meinen Blick kreisen: Sollte in meiner näheren Umgebung, von mir unbemerkt, eine Galeerenschule ihre Tore geöffnet haben? Werden hier des Nachts Freiwillige für den Dienst in frühneuzeitlichen Ruderkriegsschiffen ausgebildet oder findet gar vor meiner Haustür eine Art verschärftes Höhentraining für die Ruder-Olympiamannschaft statt?
Das Rätsel bleibt ungelöst. Hilfslos und verzweifelt suche ich erneut mein Bett auf, während draußen das Geräusch in unveränderter Intensität andauert. Ich stelle mir das Geklöppel nun als meditatives Begleitgeräusch vor, das mich in den Schlaf zurück begleiten soll. Bevor sich meine Augen schließen, denke ich an Guido Knopp. Halt, Moment mal, etwa an den Guido Knopp, der uns im ZDF immer wieder stark vereinfacht und mit Hang zum Kitsch, Laienschauspiel und musikalischer Untermalung die dunklen Seiten der deutschen Geschichte erklärt? Ja, genau an den.
Beim Zappen stieß gestern ich auf von ihm produzierte Dokumentation über die Königshäuser Europas. Gewöhnlich interessiert mich deren Schicksal ebenso wenig wie das der Fußballnationalmannschaft, doch verschaffte mir diese Sendung einen kurzen Moment des Glücks:
Kronprinz Frederik von Dänemark, der Sohn der in der Fernsehsendung als Märchenkönign bezeichneten Margrethe II., zog einst Negativschlagzeilen der dänischen Boulevardpresse auf sich, da er in alkoholisiertem Zustand ein Kraftfahrzeug betätigte, was auch im Land der Dänen nicht gern gesehen ist. So kam es, dass – nur für wenige Sekunden – die Titelseite eines solchen Blattes im ZDF zu sehen war. In großen Lettern stand dort geschrieben: “Promillekørsel …”
Was für ein wunderschönes Wort: Promillekørsel. Ich dachte immer und immer wieder an Promillekørsel und war bei diesem Gedanken hocherfreut über das neu gelernte Wort, das ich fortan hüten werde wie einen kleinen Schatz. Wie gern wäre man manchmal, insbesondere in schalflosen Nächten, ein Promillekørsel, dachte ich. Eine kurze Recherche ergab jedoch, dass man kein Promillekørsel ist, sondern eine Promillekørsel macht, auch gut. Promillekørsel, Promillekørsel, Promillekørsel. Von Glück beseelt, aber nüchtern, schlief ich sodann noch ein paar Stunden.
Es war noch früh am Morgen als der Lärm begann, etwa gefühlte sechs Uhr. Tatsächlich war es aber bereits halb neun, als es anfing, im Treppenhaus zu krachen, zu hämmern und zu bohren. Noch leicht umnachtet frug ich mich, ob ein in der Nachbarschaft wirkender Philosoph aus seinem Winterschlaf erwacht sei, um die neue Schule des aktiven Dekonstruktivismus am Beispiel einer Hauswand in die Praxis umzusetzen oder ob einfach nur ein Abbruchunternhemen versehentlich damit beauftragt wurde, unser schönes Haus abzureißen.
Beim Verlassen der Wohnung stelle ich jedoch fest, dass offenbar nichts dergleichen eingetreten ist. Die einzige Veränderung, die ich bemerken kann, ist, dass nun eine Pinnwand im Erdgeschoss des Treppenhauses angebracht wurde. Wie praktisch, denke ich, eine Pinnwand; während gleichzeitig in mir die Frage keimt, welchem Zweck dieselbige wohl dienen mag. Seit nun über sieben Jahren wohne ich in diesem Haus, und noch nie hatten wir so eine Pinnwand. Mir hat eine solche auch nie gefehlt, aber nun hängt sie da, als sei es nie anders gewesen, und ich weiß nicht, warum.
Wird dort demnächst vielleicht die Hausordnung, von deren Existenz ich über sieben Jahre nichts geahnt habe, gut sichtbar für alle potenziellen Störenfriede im Hause ausgehängt? Oder noch schlimmer, vielleicht ein Putzplan für das Treppenhaus? Weiterlesen von ‘Viel Lärm um nichts – eine Hammer-Weihnachtsgeschichte’
Herbst

Photo: lady-kinkling
Der Herbst, das sind doch nur ein paar Wochen des Übergangs zwischen Sommer und Winter, nichts weiter. Was soll man über ihn schon großartig schreiben? Manchmal ist es kalt, manchmal nass und manchmal stürmisch. Manchmal ist es kalt und nass, manchmal ist es kalt und stürmisch, machmal ist es nass und stürmisch, meistens ist es aber kalt, nass und stürmisch.
Die Baumkronen lichten sich zunehmend, und statt lieblichem Geträller der Singvögel, die nun allesamt gen Süden umgezogen sind, weckt einen nun das aufdringliche Geräusch des Nachbars Laubharke. Sorgsam schiebt er in aller Frühe den gelb-braun schimmernden Baumabfall zu kleinen Hügeln zusammen, die zwangsläufig vom nächsten Luftzug auf die Straße geweht werden, um dort die Bremswege der vorbeifahrenden Kraftfahrzeuge noch weiter zu verlängern, als es das direkt auf die Straße gefallene Blattwerk ohnehin schon tut. Die Zahl der Verkehrstoten lässt dies in ungeahnte Höhen schießen, wovon der Nachbar natürlich nichts ahnt, während er seine Kräuterteemischung zubereitet, obwohl er eigentlich lieber Kaffee trinkt — aber es ist ja Herbst, und da trinkt man nun einmal Tee, obwohl man gar nicht ernsthaft krank ist. Schließlich hat er es nur gut gemeint und wollte die sich auf dem Trottoir bewegenden Fußgänger vor Hals und Beinbruch bewahren. Mit sich und der Welt im Reinen gibt er noch etwas Kandis in den Tee und rührt bedächtig in der Tasse herum, bis sich dieser vollständig aufgelöst hat.
Seine Frau sitzt währenddessen in der Badewanne und nimmt ein Erkältungsbad. Bei ihr hat der Tee leider nicht die gewünschte Wirkung entfaltet, stellt sie fest, während sie lautstark in ihr Badewasser niest. Sehr wohl allerdings haben sich auch in diesem Jahr bei ihr die zu dieser Jahreszeit typischen Herbstdepressionen entfaltet — nicht zuletzt wegen der vielen Verkehrstoten vor ihrer Haustür.
Zum Glück ist ihr Psychiater ein kluger Mann. Er setzt nicht allein auf die Errungenschaften der modernen Pharmazieforschung, sondern empfiehlt — gerade in den dunklen Monaten — auf die stimmungsaufhellende Kraft des Sonnenlichts zu setzen. Einen Mallorcaurlaub aber kann sich das Paar gerade nicht leisten. Die Rechnungen des Psychiaters sind hoch und auch die steigenden Preise für Kräutertees und Erkältungsbäder reißen immer größere Löcher in die Haushaltskasse.
So entscheidet sich die Frau kurzerhand für den Besuch eines Solariums. Nur so ab und zu kann das sicher nicht schaden, dachte sich die Frau, bevor sie das Bräunungsstudio betrat. Als sie es zehn Minuten später mit Verbrennungen vierten Grades am gesamten Körper wieder verließ, änderte sich ihre Meinung schlagartig. Sie konnte nicht ahnen, dass der mit der Reparatur der Sonnenbank beauftragte Kundendiensttechniker auf dem Weg zu seinem letzten Einsatzort — ausgerechnet direkt vor ihrer eigenen Haustür — Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls geworden war.
Gleichzeitig und von all dem noch nichts ahnend, kippt ihr Mann angewidert den letzten Schluck Tee in den Ausguss, denn bekanntlich trinkt er viel lieber Bohnenkaffee, und was soll er auch Tee trinken, obwohl er gar nicht krank ist, nur weil der Kalender gerade Herbst anzeigt. Er freut sich schon auf den Winter, denn dann muss er endlich kein Laub mehr harken, sondern kann endlich seiner wahren Leidenschaft, dem Schneeschippen nachgehen.
“Und darüber soll ich schreiben?” denke ich. Nein, der Herbst ist keine Zeile wert.
Bördelgeschichte
Gibt es eigentlich Geschichten, die wirklich niemanden interessieren? Keine Angst, dies ist nicht eine solche, sondern lediglich eine Geschichte über Geschichten, die niemanden interessieren.
Ein Freund hatte in seiner Jugend einen Nachbarn. Dieser Nachbar war seines Zeichens Diplom-Ingenieur. Das Berufsbild des Ingenieurs ist bekanntlich gekennzeichnet durch die systematische Aneignung, Beherrschung und Anwendung von wissenschaftlich-theoretisch fundierten und empirisch gesicherten technischen Erkenntnissen und Methoden, wovon sich mein Freund eines Tages völlig unvermittelt überzeugen lassen musste, als er seinen Nachbarn zufällig auf der Straße traf. Die für ihn günstige Gelegenheit packte der technische Gelehrte spornstreichs beim Schopfe, um meinem Freund ausführlichst einen Überblick über sein Fachgebiet, die hohe Kunst des Bördelns, zu geben.
Vereinfacht dargestellt bezeichnet man als Bördeln das rechtwinklige Aufbiegen des Randes ovaler oder runder Bleche unter Zuhilfenahme einer Bördelmaschine oder von Hand. Der Ingenieur wäre nun kein Ingenieur, könnte er diese Erkenntnis für jedermann klar verständlich in zwei bis drei kurzen Sätzen abhandeln. Weiterlesen von ‘Bördelgeschichte’

Nicht nur der Winter gibt mir Anlass, mich über meine Nachbarn zu wundern, auch der Lenz hat es in sich. Während die Mitmenschen in meiner häuslichen Umgebung allesamt mit dem Frühjahrsputz beschäftigt sind, erfreut sich seit wenigen Tagen eine Katze in unserem Garten ihrer Frühlingsgefühle. Besonders des Nachts bringt sie ihre Rolligkeit durch lautstarke Brunftgeräusche in Form eines eindringlichen Maunzens zum Ausdruck. Weiterlesen von ‘Frühling läßt sein blaues Band …’
Da war es wieder, das beharrliche Kratzen auf dem Trottoir, das einen unweigerlich aus dem tiefsten Schlaf reißt. Auch nach Bewilligung der gesetzlichen Altersrente steht der Besitzer des Nebenhauses Tag für Tag noch vor allen anderen Bewohnern der Straße auf, um nachzusehen, ob gefrorener Wasserdampf in sternförmigen Kristallen in fester Form auf die Erde gefallen ist. Aufgrund des fortschreitenden Klimawandels ist dies nur noch selten der Fall. Weiterlesen von ‘Rentnermaschine bei Schneefall’



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