Tag Archiv für 'Tocotronic'

Schwall und Scham

“Talking about music is like dancing about architecture.”
(Frank Zappa)

Früher gab es den Künstler und sein Werk. Das Werk trat gleichberechtigt neben die Person des Künstlers. Heute tritt ungebeten das Geschreibsel des Feuilletonisten hinzu. Hat man bei Film- und Buchkritiken nicht selten noch den Hauch einer Ahnung, worum es in dem rezensierten Werk ansatzweise gehen könnte, so scheint dies für Musikkritiker zunehmend irrelevant zu sein. Die Kritik ist kein Dienst am Rezipienten, sondern sich selbst oftmals genug.

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album “Schall und Wahn”. Seit Tagen überbieten sich Magazine und Tagespresse gegenseitig mit ihrem Geschwurbel. Selbst Leser der Boulevardpresse wissen nach Tagen der vergeisteswissenschaftlichen PR-Berieselung, dass William Faulkner den Titel bei Shakespeare entliehen hat. Eine Ahnung, was einen nach dem Aufsetzen des Tonarms (von mir aus auch nach dem Einlegen der Silberscheibe) erwarten könnte, bekommt man nach der Lektüre freilich nicht geliefert. Vielmehr wächst der Zweilfel, ob die schreibenden Musikkritiker die besprochene Platte überhaupt gehört haben; gar ob dies für ihre Besprechung überhaupt noch wichtig ist.

Die Rezension tritt gleichbereichtigt als eigenständiges Werk neben das Opus des Künstlers. Ich will das alles nicht mehr lesen, sondern nur noch die Musik hören. Musikkritiker, ihr seid Schweine. Musikkritiker, ich verachte euch zutiefst.

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Soundtrack meines Lebens: Das Unglück muss zurückgeschlagen werden


YouTube Direktunglückszurückschlag

Das Unglück muss zurückgeschlagen werden von Tocotronic. Gilt eigentlich immer – im Moment aber ganz besonders.


Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu folgen demnächst wahrscheinlich hier. Du möchtest auch ein Stück Musik vorstellen? Nur zu.

Finkenwerder



Wir haben gehalten,
In der langweiligsten Landschaft der Welt.
Wir haben uns unterhalten,
Und festgestellt, daß es uns hier gefällt.
(Tocotronic)

Hamburg-Finkenwerder, 4. August 2009. Eigentlich ein ganz normaler Tag, sogar die Sonne scheint nach ihren Möglichkeiten. Mit der Hafenfähre übersetzen. Die Fähre ist voller Touristen, aber niemand steigt aus. Drei Stunden gehen, schauen, vorletzte Fotografien machen. Hier, auf der anderen Seite der Elbe, findet sich keine Spur von Urbanität: zweckmäßiger Getränkemarkt, alteingesessener Bestatter, verfallene Werft, tristes Gewerbegebiet und heruntergekommener Imbiss; nur das Nötigste.

Wie es sich hier wohl lebt? Ich werde es nie herausfinden. Die Fähre, die mich zurückbringen soll, steht bereits am Anleger bereit. Ich muss mich beeilen, um sie noch zu erreichen. Der Fährmann muss seinen Fahrplan einhalten, wartet aber trotzdem. Wären die Dieselmotoren nicht so laut, hätte ich vielleicht sein Zähneknirschen hören können. Zum Dank nicke ich ihm freundlich zu, er nickt zurück und legt ab. Auf der Fähre befinden sich wieder zahlreiche Touristen, wieder ist niemand auf Finkenwerder ausgestiegen.

Schon wenige Stunden später wird nichts mehr sein, wie es mal war. Aber davon ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Keine Blogparade: Der Soundtrack meines Lebens

Hammerklavier Trio feat. Torsten Goods in der Ponybar, Hamburg, am 11.02.2009

Da lob ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht,
Noch von einem richt‘gen Menschen mit dem Kopf erdacht,
‘ne Gitarre, die nur so wie ‘ne Gitarre klingt,
Und ‘ne Stimme, die sich anhört, als ob da jemand singt.
(Reinhard Mey)

“Digital ist besser” sangen Tocotronic einst etwas diffus. Nicht dass Musik aus Nullen und Einsen keine Kunst wäre, aber so eine richtige Gitarre, sei sie auch noch so schrammelig, oder ein agogisches Schlagzeug, sei es auch noch so schleppend oder drängend, ist doch durch nichts zu ersetzen. Müsste ich mich zwischen einem Reinhard-Mey-Konzert und einer Techno-Party entscheiden, ich wüsste sofort, wofür. Zum Glück gibt es Alternativen.

Dennoch kann auch ich leider nicht von mir behaupten, den guten Musikgeschmack mit der Muttermilch aufgesogen zu haben: in meinem Elternhaus befanden neben wenigen konservierten Musikperlen vor allem Größte-Erfolge-Kompilationen von Neil Diamond bis Alexandra, eine leiernde Grönemeyer-LP, Ravels Bolero sowie ein Tonbandgerät, mit dem hin und wieder Musik aus Radiosendungen mitgeschnitten wurde. Ich bin vermutlich der erste in meiner Familie, der ein Musikinstrument erlernt hat (Gitarre, zunächst klassisch, dann leidlich Jazz) und trotzdem haben mich – wie sicher die meisten anderen Menschen – auf meinem Lebensweg auch Lieder begleitet, bei deren Ertönen ich heute am liebsten im Erdboden versänke. Als Kind bereitete mir “Major Tom” (allerdings der von Peter Schilling und nicht der von David Bowie) viel größere Freude als “Kind of Blue”.

In unregelmäßiger Reihenfolge werde ich in diesem Weblog Stücke aus dem “Soundtrack meines Lebens”, wie es in einer Zeitschrift, die ursprünglich für Menschen, die eigentlich erwachsen werden sollten, gemacht wurde, so schön heißt. Ich bin kein Freund der Hit- und Blogparaden, dennoch würde ich mich freuen, wenn sich der eine oder andere Blogger fände, der seine Lieder vorstellte. Dies ist keine Pfeife, dies ist kein Liebeslied und dies ist keine Blogparade.


Teil 1: Peter Schilling – Major Tom
Teil 2: The Beatles – You’ve Got To Hide Your Love Away
Teil 3: Rolling Stones – Sympathy For The Devil
Teil 4: Tocotronic – Das Unglück muss zurückgeschlagen werden
Teil 5: Pat Metheny – Bright Size Life